Innovation

Für gute Ideen muss man nicht duschen

Analyse Gute Ideen fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen überall und besonders gern bei der Arbeit – solange man es nur zulässt.

Ideen entstehen meistens bei der Arbeit. Geboren werden sie manchmal unter der Dusche.
Ideen entstehen meistens bei der Arbeit. Geboren werden sie manchmal unter der Dusche.

Veränderung: Heureka oder Caramba

Die Welt um uns herum verändert sich kontinuierlich, selten abrupt, manchmal schnell, meist schleichend und von uns unbeachtet. Der Fluss, in den wir am Morgen steigen, ist am Abend schon nicht mehr derselbe. Wenn sich unsere Wahrnehmung dagegen verändert, so geschieht dies schlagartig, in nur einem Augenblick. Fast fühlt es sich an wie ein Schock. Luc de Brabandere, Autor und Unternehmensberater, kennt zwei Arten dieser Veränderung, die eine nennt er Heureka, die andere Caramba. Heureka steht bei ihm für eine Veränderung der Wahrnehmung, die eine Erleuchtung, eine Idee oder einen plötzlichen Einfall zur Folge hat, der uns begeistert. Caramba führt ebenfalls zu einer plötzlichen Erkenntnis, allerdings zu einer, die zu spät kommt. Sich über ein Versäumnis, einen Irrtum klar zu werden, ist demnach der gleiche Vorgang, jedoch verbunden mit einem ganz anderen Gefühl. Auch wenn man sich mehr Heureka und weniger Caramba wünschen mag (und gerade Unternehmen lieber auf Feststellungen wie „zu spät”, „verpasst” oder „übersehen” verzichten möchten), folgt man diesem Konzept, wird klar, dass beides gleichermaßen wertvoll ist, weil beides gewissermaßen den Geburtsmoment einer neuen Idee darstellt.

Es gibt zwei Arten von Erkenntnis: Heureka und Caramba. Heureka steht für die eine Erleuchtung, die uns begeistert. Caramba führt ebenfalls zu einer plötzlichen Erkenntnis. Allerdings zu einer, die zu spät kommt.

Die Plötzlichkeit dieser Wahrnehmungsveränderung erklärt auch, weshalb es die weitverbreitete Vorstellung gibt, Ideen oder gar Innovationen würden plötzlich aus dem Nichts, unter der Dusche, im Schlaf oder beim Spazierengehen entstehen. Während sich die Welt unbeirrt weiterdreht, ändert sich plötzlich unsere Wahrnehmung. Paul McCartney mag es so vorgekommen sein, als hätte ihn die Melodie des Beatles-Songs Yesterday im Schlaf gefunden, oder dem Chemiker Dimitri Mendelejew, als hätte er das Periodensystem der Elemente im Traum konzipiert. Nach allem, das wir wissen, ist es wahrscheinlicher, dass sich die zugrundeliegenden Gedanken über einen längeren Zeitraum bewusst und unbewusst entwickeln konnten – aber erst die Distanzierung im Schlaf oder anderswo half, die nötigen Verknüpfungen zu entwickeln und bis zu einem Punkt reifen zu lassen, an dem der Durchbruch gelang. So leuchtet auch ein, warum ein Ortswechsel, eine, Reise oder eine Begegnung, kurz: alles was einen in gewisser Weise Abstand gewinnen lässt, dazu beiträgt, die Dinge anders zu sehen.

Innovation: Sequenzielle Logik oder plötzliche Eingebung 

Für den britischen Neurowissenschaftler Vincent Walsh gibt es zwei Arten, Probleme zu lösen: durch sequenzielle Logik oder durch plötzliche Eingebung. „Wahrhaft kreative Momente allerdings kommen durch plötzliche Eingebungen, von denen die Menschen sich nicht sicher sind, woher sie kommen.” Unser Gehirn verknüpft in solchen Momenten das Vorhandene, Wissen und Erfahrungen auf neue Art und Weise, und zwar in einem unbewussten Vorgang, wenn wir uns gerade nicht aktiv damit befassen. Was Walsh für konkrete Probleme und Herausforderungen beschreibt, gilt mehr noch für Möglichkeiten, die sich erst im Verlauf zeigen und von denen man bestenfalls eine Ahnung haben kann.

Ein Duschbad, ein Spaziergang, ein Tagtraum sind nicht die Momente, in denen Ideen entstehen, sehr wohl aber die, in denen sie geboren werden.

Walsh sagt, dass man seinem Gehirn erlauben muss, „offline” zu sein, wenn man neue Ideen haben möchte. Die einfachste Form des Perspektivenwechsels ist also, von etwas abzulassen, nicht mehr darüber nachzudenken, sich anderen Dingen zuzuwenden. „Sie müssen sich die Zeit zum Ausbrüten gönnen, damit ihr Gehirn konsolidieren und neue Verbindungen herstellen kann”, so Walsh. Neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen am leichtesten, wenn es entspannt ist und sich in einem niedrigen Aktivitätsmodus befindet. Wer einer Idee, die möglicherweise schon lange unterschwellig reift, mit einer plötzlichen Eingebung ins Leben helfen will, sollte seinem Gehirn die Möglichkeit geben, sich zu entspannen. Und jetzt verstehen wir auch, warum ein Duschbad, ein Spaziergang, ein Tagtraum nicht die Momente sind, in denen Ideen entstehen, sehr wohl aber die, in denen sie geboren werden.

da, wo wir an Dingen arbeiten, wachsen auch die meisten Ideen. Strand allein macht nicht kreativer, leider.
Da, wo wir an Dingen arbeiten, wachsen auch die meisten Ideen. Strand allein macht nicht kreativer, leider.

Distanzierung vom Werk 

Ein unter Künstlern weit verbreitetes Vorgehen, dies zu erreichen, ist die räumliche Trennung vom Werk, an dem gearbeitet wird. Die Malerin Zohar Fraiman beschrieb es uns so: „Manchmal verlasse ich den Raum für zehn Minuten, manchmal schaue ich einfach für einige Minuten nicht auf das Bild. (...) Es geht darum, eine andere Perspektive zu erhalten. Ich tue eine Menge verschiedener Dinge, um einen frischen Blick zu erhalten. Ich sehe mir das Bild durch einen Spiegel an. Ich drehe das Bild um oder stelle mich auf den Kopf. Ich schaue für zehn Minuten nicht auf das Bild - oder auch tagelang nicht. Ich tue alles, was möglich ist, um einen möglichst frischen Blick zu erhalten.” Offensichtlich ist für Fraiman die Distanzierung vom Werk wichtig. Noch wichtiger ist jedoch, dass es überhaupt ein Werk gibt, von dem sie sich distanzieren kann.

Intensives Nachdenken und viel Zeit

Sehr schön führt uns das die amerikanische Künstlerin Maureen Drdak vor Augen: „Ein Phänomen, das ich selbst erlebe und von dem ich bestimmt weiß, dass es transdisziplinär für alle kreativen Menschen (...) gilt, ist das Nachsinnen beziehungsweise Grübeln über einer Idee für einen längeren Zeitraum. (...) Das ist ein wesentliches Element des kreativen Prozesses. In dieser Phase muss viel Energie aufgewandt werden. Es kann nicht einfach nur eine flüchtige Sache sein, die im Kopf herumschwirrt. Aber dann, nachdem man unter Anstrengung probiert hat, ohne Erfolg eine Antwort zu finden, legt man das Problem beiseite, beschäftigt sich mit andere Aufgaben, nur um an einem bestimmten Punkt und normalerweise in nicht allzu ferner Zukunft, einen plötzlichen Moment der Erleuchtung zu erleben, in dem die Lösung des Problems, ob in bildender Kunst, Medizin, Mathematik, Wissenschaft, hervorsprudeln wird - so wie Athene, die aus dem Kopf von Zeus geboren wurde.

Was Unternehmen von Künstlern lernen können
Dirk Dobiéy und Thomas Köplin hinterfragen in einer Artikelserie gängige Klischees bezüglich Innovation und Kreativität.
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Im alten Griechenland war ein solcher Moment verbunden mit dem Heureka-Ausruf, aber es gibt viele Analogien, die dieses Phänomen beschreiben. Es gibt diese ‘Geburtsmatrix’ der Kreativität, die jedem innewohnt und die kreative Menschen, so scheint es, leichter abrufen können, durch ihre Neigung dieser Quelle mit einer höheren Intensität zu begegnen.”

Die besten Ideen entstehen immer noch am Arbeitsplatz 

Wenn man die Intensität der Auseinandersetzung als Grundvoraussetzung dafür begreift, überhaupt erst auf gute Ideen zu kommen, dann stellt sich erneut die Frage, weshalb dies ausgerechnet unter der Dusche und damit in der Regel weit abseits des Arbeitsplatzes besonders gut funktionieren sollte. Tatsächlich, und dies wurde kürzlich bei einer Befragung von über 10.000 Berufskreativen in 143 Ländern deutlich, entstehen die besten Ideen überall und häufiger dort, wo man auch die meiste Zeit verbringt. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, die besten Ideen am Arbeitsplatz zu haben. Ein Drittel erfährt Inspiration auf dem Weg zur Arbeit, ein gutes Viertel im Bett, ein knappes Fünftel im Bad und einige auch beim Sport oder in Cafés. Was eigentlich nur verdeutlich, dass uns gute Ideen erstens überall kommen können und ihre Erscheinung mit der Aufteilung unserer Wachzeit korreliert.

Wenn Sie völlig entspannt sind, dann taucht auch nichts plötzlich auf.
Lu Chen, Professorin für Neurochirurgie, Psychiatrie und Verhaltensforschung, Universität Stanford

Lu Chen, Professorin für Neurochirugie, Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Universität Stanford bestätigt, was die Zahlen nahelegen: „Wenn Menschen - Künstler eingeschlossen - sagen, dass Kreativität am Arbeitsplatz oder im Atelier entsteht, stimme ich ihnen zu. Sie müssen Ihren Geist mit einer hohen Intensität beschäftigen, um sinnvolle, bislang nicht vorhandene Gedanken zu haben. Diese Vorfälle, wenn Sie beispielsweise die Straße hinuntergehen oder sich in der Dusche befinden, und Sie haben Ideen - das ist, weil Sie bereits darüber nachgedacht haben. Der Geist muss ausreichend und intensiv in den Denkprozess einbezogen sein. Es ist ein Prozess des Arbeitens, der Erzeugung von Ergebnissen - und manchmal sind es Ergebnisse, die keinen Sinn ergeben. Durch den Versuch, aus ihnen einen Sinn zu generieren, entstehen kreative Ideen.“

Gefahr der Einengung

Gleichzeitig räumt Lu Chen ein, dass eine zu intensive Auseinandersetzung mit einem Thema auch zu einer Einengung führen kann, die schließlich Kreativität behindert. Zu viel Druck ist genauso hinderlich wie gar keiner. Die Herstellung einer Balance aus beidem, dem Ausgleich zwischen fokussierter und intensiver Arbeit an den Dingen und der Schaffung von Distanz zu diesen Dingen muss deswegen zum wesentlichen Gestaltungsmerkmal dort werden, wo Ideen entstehen sollen.

Autoren

Dirk Dobiéy und Thomas Köplin sind Mitgründer des Beratungs-, Ausbildungs- und Forschungsnetzwerks Age of Artists. Dirk Dobiéy war bis 2014 in unterschiedlichen Führungsfunktionen in der mittleren Leitungsebene bei SAP tätig. Davor arbeitete der Betriebswirt viele Jahre als Unternehmensberater bei Hewlett-Packard sowie als Beratungsleiter bei T-Systems. Thomas Köplin ist seit 2002 in der Digitaleinheit der Deutschen Telekom für Organisations- und Strategieentwicklung sowie interne Kommunikation zuständig.

Sie sind Autoren des Buches "Creative Company".

Thomas Köplin
Thomas Köplin

Thomas Köplin ist Mitgründer des Beratungs-, Ausbildungs- und Forschungsnetzwerks Age of Artists. Köplin ist seit 2002 in der Digitaleinheit der Deutschen Telekom für Organisations- und Strategieentwicklung sowie interne Kommunikation zuständig.

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