Innovation Organisationsentwicklung

Innovationsmanagement: Tanker oder Schnellboot? Flottenverbund!

Kommentar Tanker versus Schnellboot – Metaphern wie diese haben sich tief in uns eingebrannt, wenn es um die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen geht. Doch sie werden den aktuellen Anforderungen nicht gerecht. Ein Plädoyer für eine neue Bildsprache im Management.

Erfolgreiche Unternehmen sind divers in Struktur und Führung.
Erfolgreiche Unternehmen sind divers in Struktur und Führung.

Dualismus vom Konzern-Tanker und Schnellboot-Start-up passt nicht mehr

In letzter Zeit erlebt die alte Metapher von den Tankern (etablierte Unternehmen mit Bestandsgeschäft und Legacy) und Schnellbooten (Start-ups und Labs, die auf der grünen Wiese agil arbeiten und innovieren) einen zweiten Frühling. Hermann Arnold hat zurecht darauf hingewiesen, dass dieses Bild nicht passt. Es ist sogar gefährlich, weil es falsche Erwartungen weckt und sowohl dem etablierten Business als auch den Innovatoren nicht gerecht wird.

Agile Innovation: Von Flößen und Kreuzfahrtschiffen

Unternehmen stehen heute stärker denn je vor der Herausforderung, gleichzeitig effizient und flexibel zu agieren. Sie müssen das Bestandsgeschäft, das Umsatz und Erträge erwirtschaftet, so stabil wie möglich managen. Zur selben Zeit gilt es, innovativ zu sein, mit neuen Services neue Märkte mit völlig neuen Geschäftsmodellen zu besetzen. Heute die Angebote zu kreieren, die die Kunden morgen nachfragen, und dabei die Kunden und deren Bedürfnisse so gut und gewinnbringend wie möglich zu befriedigen – darum geht es. Und das alles innerhalb ein und derselben Organisation.

Das Bestandsgeschäft etablierter Unternehmen gleicht einem Kreuzfahrtschiff.
Das Bestandsgeschäft etablierter Unternehmen gleicht einem Kreuzfahrtschiff.

Dass das mit klassischen Strukturen, Methoden und Führungskonzepten allein nicht geht, wissen wir alle. Und nicht erst seit wir die VUCA-Welt entdeckt haben. Immerhin ist der Begriff der ambidextren Organisation schon über 40 Jahre alt. Nur werden die Herausforderungen durch die Schnelligkeit, Unbeständigkeit, Unsicherheit und Komplexität unserer Umwelt immer dringlicher. Wie geht das also, effizient und flexibel, wetterfest und agil zur gleichen Zeit zu sein?

Hermann Arnold spricht deshalb lieber vom Kreuzfahrtschiff, das Kunden und Produkte zu den schönsten Gegenden der Welt bewegt, und vom Floß, das – mit großem Risiko und Wagemut gesteuert – durch reißende Flüsse auf dem Weg zu neuen Ufern ist.

Ständige Metamorphose statt Alt gegen Neu

Auf diesem Weg zu neuen Ufern werde das Floß nach und nach größer, erhalte Aufbauten und mutiere zu einem Boot, das weniger risikoreich durch immer sanftere Gewässer navigiere. Aus dem Floß wird ein Segelboot, dann ein Dampfer und schließlich, vielleicht, ein Kreuzfahrtschiff. Immer mehr Menschen gehen an Bord, andere verlassen das Segelboot oder den Dampfer, weil sie lieber wieder mit einem kleinen Floß neue Wildwasser erkunden wollen.

Auf jedem Gefährt gilt demnach ein anderes „Betriebssystem“. Also eine andere Form der Organisation, der Teamstruktur, der Führung. Ein Floß muss anders navigiert werden als ein Segelboot oder ein Dampfer. Die Crew nimmt ihre spezifischen Erfahrungen bei jeder Metamorphose mit, das Betriebssystem wird Stück für Stück verbessert. Diese Metapher ist wesentlich besser als der Dualismus Schnellboot – Tanker, der schnell in ein „Alt“ gegen „Neu“ oder sogar „Gut“ gegen „Schlecht“ übergehen kann.

Auch das Bestandsgeschäft kann agile Flöße zu Wasser lassen, zum Beispiel, um Prozessinnovationen jenseits der Organisationsstruktur auf den Weg zu bringen. 

Komplexität managen: Die Bilder überlagern sich

Dennoch beschreibt das Bild noch nicht die ganze Wirklichkeit. Auch im Bestandsgeschäft kann ein Unternehmen neue Flöße auf den Weg schicken. Denn im Bestandsgeschäft geht es ebenfalls um Innovationen, natürlich müssen auch dort Services und Produkte ständig weiterentwickelt werden, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Dafür braucht es crossfunktionale und agile Teams. Ebenso können Prozessinnovationen als Floß gestartet werden, losgelöst von der normalen Organisationsstruktur. Bei solchen Themen geht es dann eben nicht um die „billion dollar idea“, sondern um die Steigerung des NPS (Net Promoter Score) um 10 Punkte oder darum, die Churn Rate um zwei Prozent zu senken.

Nicht Kreuzfahrtschiff oder Floß, sondern ein verbund von unterschiedlichen Schiffen: Das kennzeichnet moderne Unternehmen.
Nicht Kreuzfahrtschiff oder Floß, sondern ein Verbund von unterschiedlichen Schiffen: Das kennzeichnet moderne Unternehmen.

Vielleicht trifft daher das Bild von einem Verbund von unterschiedlichen Schiffen die tatsächliche Lage von Unternehmen noch mehr als der Dualismus Floß - Kreuzfahrtschiff. Wir brauchen ein Betriebssystem, das diese Diversität möglich und produktiv macht. Ein Betriebssystem, das die Menschen befähigt, die Aufgaben, für die sie verantwortlich sind, bestmöglich zu erfüllen. Es geht um Empowerment und Enablement und das richtige Mindset. Auf dem Floß, auf dem Segelboot, auf dem Kreuzfahrtschiff.

Marc Stoffel
Marc Stoffel
CEO Haufe-umantis AG

Marc Stoffel ist CEO der Haufe-umantis AG. Das Besondere dabei: Seine Mitarbeiter haben ihn in diese Rolle gewählt. Sie schätzen an ihm vor allem seine Begeisterungsfähigkeit, seine Kreativität und die Fähigkeit, auch unangenehmes Feedback produktiv umsetzen zu können.

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