Organisationsentwicklung Selbstorganisation

Leadership: Voneinander lernen, gemeinsam gewinnen

Es gibt kein „Alt“ gegen „Neu“, es geht darum, alle Welten im Unternehmen zusammenzuführen. Damit sie voneinander lernen können und das gemeinsame Ziel – den Unternehmenserfolg – nicht aus den Augen verlieren. Führung bedeutet, das Verbindende zu fördern und für alle den Freiraum zu schaffen, den sie benötigen.

Um zu lernen, braucht es nicht unbedingt Bücher. Der kollegiale Austausch bringt uns oft viel weiter.
Um zu lernen, braucht es nicht unbedingt Bücher. Der kollegiale Austausch bringt uns oft viel weiter.

Open Space für Kommunikation

Vor ungefähr einem halben Jahr haben wir ein komplett neu gebautes Bürogebäude auf dem Haufe Campus bezogen. Eine ganze Etage mit Loft-Charakter für die Teile unseres Bereichs, die in Freiburg beheimatet sind. Ein Team von Mitarbeitern hat sich um Gestaltung und Arbeitsplatzkonzept gekümmert. Sie waren vollkommen frei in der Planung. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Open Space-Konzept, das vor allem ein Ziel hat: Konzentriertes Arbeiten UND intensiven Austausch zu ermöglichen. Und noch etwas war wichtig: Die einzelnen Teams sollten nicht isoliert voneinander sitzen, sondern die Menschen sollen und wollen miteinander ins Gespräch kommen. Und jeden Tag neu voneinander lernen.

Wir verantworten in unserem Bereich ein sehr erfolgreiches Bestandsgeschäft und forcieren gleichzeitig zahlreiche strategische Initiativen mit innovativem Neugeschäft. Vor dem Umzug saßen die Mannschaften getrennt voneinander in unterschiedlichen Flügeln des bisherigen Bürogebäudes. Und es gab wenig Austausch und Diskussionen zwischen „alt“ und „neu“, zwischen Bestands- und Innovationsgeschäft.

Jeder bekommt den Freiraum, den er benötigt, um bestmöglich zu arbeiten.

Im neuen Büro ist das ganz anders, denn nun mischen sich die Mitarbeiter jeden Tag neu. Weil alle sich dafür entschieden haben, auf feste Arbeitsplätze zu verzichten. Morgen für Morgen setzen sich die Kollegen in neuen Konstellationen zusammen. Und so sitzt einmal der UX-Designer der Software, die gerade entwickelt wird, neben der Produktmanagerin einer Datenbank, die seit über 20 Jahren erfolgreich am Markt ist. Und am nächsten Tag sitzt die Marketing-Trainee neben der Expertin für Design Thinking. Und alle lernen voneinander. Genauso in spontanen Meetings am langen Tisch neben der Kaffeeküche oder in Brown Bag Sessions oder an einer der Wände, die alle für Visualisierungen und Aufschriebe genutzt werden können.

regelmäßige, oft spontane teammeetings und übergreifende Brown Bag Sessions gehören dazu.
Regelmäßige, oft auch spontane Teammeetings und übergreifende Brown Bag Sessions gehören dazu.

Voneinander lernen, Open Space und Desk Sharing werden bei uns gelebt und sind unumstritten. Es funktioniert. Ich denke, das liegt gerade daran, dass wir weiterhin feste Teams mit klaren Verantwortlichkeiten und starken Gemeinsamkeiten haben. Bei uns wurde nicht auf einmal alles fluffy und jeden Tag anders. Wir haben Ziele, jeder hat seine Aufgaben, und wir wollen Ergebnisse erreichen. Deshalb haben wir, zeitgleich mit dem Umzug, in einzelnen Teams auch damit begonnen, mit OKR (Objectives & Key Results) zu experimentieren. Und weiten das nun auf alle Teams und Projekte aus.

Feste Teams und klare Verantwortlichkeiten

Wir haben also weiterhin feste Teams, klar definierte Verantwortlichkeiten und Führungskräfte. Aber es ist nicht mehr notwendig, jeden Tag gemeinsam mit dem Team zusammenzusitzen. Open Space macht das möglich. Und nicht nur unsere Teams mischen sich im Alltag, sondern auch Kollegen aus anderen Bereichen, die in Projekten mit uns zusammenarbeiten, setzen sich regelmäßig an einen der freien Schreibtische bei uns, um nicht nur virtuell über Tools, sondern ganz in echt zusammenzuarbeiten.

Open Space heißt nicht „alles fluffy“. Wir haben weiter feste Teams, klare Zugehörigkeiten und definierte Verantwortlichkeiten.

Woher ich das weiß? Weil ich es jeden Tag selbst praktiziere. Ich wollte nie ein eigenes, abgeschlossenes Büro im neuen Gebäude. Richtig ernst genommen haben das die Planer nicht und mir ein schönes, großes Eckbüro eingerichtet.  Doch das habe ich nie genutzt, sondern von Anfang an mitten im Team gesessen. Schreibtisch, Monitor und Besprechungstisch stehen dort noch wie geplant, nur nutzen jetzt eben alle das Büro, wenn sie es brauchen. Es hat auch einen Namen: „No-Jo-Büro“.

Genügend Platz für Austausch und gemeinsames Arbeiten.
Genügend Platz für Austausch und gemeinsames Arbeiten.

Führung heißt Sinn stiften

Viel ist heute die Rede von Ambidextrie, von beidhändiger Führung. Und vieles, das gesagt und geschrieben wird, ist richtig. Das Bestandsgeschäft mit klaren Rollen und Verantwortlichkeiten, festen Teams und Teamleitern stellt andere Ansprüche an Führung als agile Teams, die sich selbst organisieren. Aber: Es gibt kein „Alt“ gegen „Neu“. Das ist ein Irrglaube und das wäre sogar geschäftsschädigend. Das vermeintlich Alte hat nach wie vor seine Berechtigung. Weil es nach wie vor erfolgreich ist. Wir ziehen es nicht nur mit, bis es von selber verschwindet. Im Gegenteil. Auch im Bestandsgeschäft entwickeln wir die Angebote konsequent weiter. Wir wollen das Gute noch besser machen, um die Bedürfnisse unserer Kunden immer auf der Höhe der Möglichkeiten zu befriedigen. Die Kollegen, die an diesen Themen sitzen, arbeiten mit demselben Elan wie die „Innovatoren“ in den strategischen Initiativen.

Es gibt kein „Alt“ gegen „Neu“. Das ist ein Irrglaube und das wäre sogar geschäftsschädigend. Das vermeintlich Alte hat nach wie vor seine Berechtigung. Weil es nach wie vor erfolgreich ist.

Selbstorganisation, Agiles Arbeiten, Design Sprints – das ist nicht nur für die coolen „Wir machen alles neu“-Menschen im Unternehmen. Es hilft allen. Und noch mehr hilft es, wenn diejenigen, die das Bestandsgeschäft vorantreiben, und diejenigen, die Innovationen im strategischen Neugeschäft entwickeln und zur Marktreife bringen, voneinander lernen und vor allem: sich gegenseitig wertschätzen. Denn sie schaffen alle gemeinsam den Unternehmenserfolg.

Hier sitzt kein Chef: Auch ich suche mir jeden Tag meinen Arbeitsplatz. Das mir zugedachte Büro ist Meetingraum.
Hier sitzt kein Chef: Auch ich suche mir jeden Tag meinen Arbeitsplatz. Das mir zugedachte Büro ist Meetingraum.

Cohesive Leadership sei die wichtigste Aufgabe von Führungskräften heute, schreibt Franz Kühmayer in seinem gerade erschienenen „Leadership Report“ für das Zukunftsinstitut. Meine wichtigste Aufgabe als Manager ist es, zusammenzuführen und für Zusammenhalt zu sorgen. Kühmayer bezeichnet „PEP“ als Kern des Cohesive Leadership: Purpose, Education, Participation. Also Sinn, Lernen, Beteiligung. Genau das leben wir. Auch dank der neuen Büroräume

Joachim Rotzinger
Joachim Rotzinger
Geschäftsführer Haufe Group

Joachim Rotzinger ist seit 2010 Geschäftsführer der Haufe-Lexware GmbH & Co. KG und seit 2012 Mitglied des Verwaltungsrats der Haufe-umantis AG.

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