Innovation Selbstorganisation

Klein, aber effektiv

Kommentar Alle suchen nach der einen großen Innovation, die das Spiel verändert. Dabei haben Mitarbeiter viele konkrete Ideen für kleine Verbesserungen, die große Effekte haben können. Wir müssen sie nur Wirklichkeit werden lassen.

Ideen für kleine, wirkungsvolle Prozessinnovationen liegen quasi auf der Straße.
Ideen für kleine, wirkungsvolle Prozessinnovationen liegen quasi auf der Straße.

Ein Schnellboot allein reicht nicht aus

Das mit den großen, disruptiven Innovationen ist alles andere als leicht. Etablierte Unternehmen mit tradierten Strukturen und jahrzehntelanger Erfahrung (Legacy) schaffen das kaum in eben diesen Strukturen. Deshalb erlebt das Bild vom Tanker und dem Schnellboot seit einiger Zeit eine Renaissance. Aber es reicht nicht, wenn der Tanker des Bestandsgeschäfts von Zeit zu Zeit ein Schnellboot für Innovation zu Wasser lässt. Meistens funktioniert das nicht und es kommt gar zur Havarie (siehe meinen Beitrag „Schiffbruch mit Tankern und Schnellbooten“).

Deutlich wird das am Beispiel E-Mobilität. Eigentlich waren die deutschen Hersteller prädestiniert dafür, den Takt vorzugeben. Das erste 4-rädrige Elektroauto wurde 1888 in Deutschland gebaut. Tatsächlich aber steht heute Tesla für das Thema, in China Hersteller wie BAIC, BYD, SAIC – aber nicht einmal in Europa Daimler, BMW, VW. Die deutschen Hersteller haben das Thema zu lange belächelt und sind zu spät ernsthaft aufgesprungen. Das ändert sich gerade. Mit all der Erfahrung und dem technischem Können werden sie sicher (oder hoffentlich) ein wichtiges Wort mitzureden haben. Das Thema ist zumindest ganz oben angekommen, wenn Dieter Zetsche die Vorstellung des Mercedes-Benz EQC als „einschneidenden Moment“ seiner Karriere bezeichnet.

Es geht nicht immer um die eine große Innovationen. Auch viele kleine Verbesserungen führen zu Erfolg.

Doch die reine E-Mobilität ist nur die halbe Miete. Wer den Erfolg von Tesla allein darauf zurückführt, der übersieht etwas Wichtiges. Das wirklich Spannende ist das, was rund um Elektroautos beziehungsweise in den Autos möglich ist. Zum Beispiel kontinuierliche „Über-die-Luft-Aktualisierungen“: Wer schon einmal am Morgen in sein Auto eingestiegen ist und informiert wurde, dass es jetzt 20 PS mehr hat, oder dass die Kameras nun auch als Dash-Cams fungieren (Aufzeichnung für Unfälle), der weiß, was dies bedeutet. Auch autonomes Fahren ist eine signifikante Verbesserung der Nutzererfahrung. Die Autos deutscher Hersteller haben die nötige Technologie schon lange an Bord, aber anders als Tesla haben die Hersteller sie nicht genutzt. Warum? Weil Kunden von Mercedes, BMW, Audi extrem hohe Erwartungen an ihre Autos haben. Wer ein Premiumauto dieser Marken fährt, verzeiht keine Fehler. Bei einem Start-up wie Tesla, von dem man erst einmal Innovation erwartet, ist das anders.

Innovation dreht sich nicht nur um The Next Big Thing

Aber: Es gibt ja nicht nur die großen Innovationen. In jedem Unternehmen schlummern tausende Mikroinnovationen. Vermeintlich kleine Prozessverbesserungen, Produktideen und ähnliches der Mitarbeiter, die einen großen Einfluss auf Effizienz und Effektivität und damit auf Umsatz und Ertrag haben können. Seit Jahrzehnten versuchen Unternehmen, diese Mikroinnovationen hervor zu kitzeln, mit KVP oder KVS oder Belohnung oder Spielifizierung – es gibt zahllose Ansätze. Viele scheitern oder kommen nicht wie geplant zum Ziel. In der Regel deshalb, weil sie sehr aufwändig und bürokratisch sind, in irgendwelchen Gremien versanden, und außer ein paar Beauftragten niemand im Unternehmen diese Ideen jemals sieht. Und wer mit seinen Vorschlägen zum dritten Mal an internen Hürden gescheitert ist, macht keine mehr.

Wir brauchen Lösungen, die die Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter schnell Wirklichkeit werden lassen.
Hermann Arnold

Dabei wäre es einfach, das zu ändern. Die digitale Technik hilft. Eine Mitarbeiterin am Band bastelt sich selber ein Armband mit Magnet, an dem sie die Schrauben befestigt, die sie benötigt. So hat sie sie griffbereit und spart sich die Zeit. Ergonomischer ist es auch. Ihrem Kollegen  gefällt das. Sie macht ihm auch ein Armband und er veröffentlicht ihre Erfindung im unternehmensweiten Innovationsnetzwerk. Nun sehen Kollegen an anderen Produktionsstandorten und anderen Schichten das Armband und setzen die Idee auch gerade um. Produktionsverantwotliche greifen sie auf, lassen die Armbänder in Serie produzieren und statten alle Fließbandarbeiter damit aus. Deren Arbeit wird leichter, krankheitsbedingte Ausfälle sinken, die Produktivität steigt. Die Erfinderin erhält unternehmensweite Anerkennung und Zeit, weitere Ideen umzusetzen. Andere folgen ihrem Vorbild, auch weil sie sehen, dass ihre Verbesserungen direkt bei den Kollegen landen und wirklich Chancen haben, breit umgesetzt zu werden.

Kleine Verbesserungen in Echtzeit sind wertvoll

„There’s a billion dollar idea in your company, you just don’t see it“. Wir glauben an dieses Credo. Eine dieser Ideen ist, das Potenzial aller Mitarbeiter für die kleinen Verbesserungen in Echtzeit und ohne Hürden zu nutzen.

Hermann Arnold
Hermann Arnold
Haufe-umantis AG

Hermann Arnold ist Mitgründer der Haufe-umantis AG und versteht sich selbst als Erforscher und Ermutiger innovativer Organisationsformen.

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