Innovation Change Management

Wir müssen reden

Künstliche Intelligenz hat das Zeug, unser Leben wirklich zu revolutionieren. Sie macht Menschen zu Gestaltern und befreit uns von Routinen. Doch wir müssen jetzt darüber diskutieren, welchen Werten wir folgen, wenn KI einmal mehr ist als eine Attraktion auf der CeBIT.

Künstliche Intelligenz wird uns Menschen vor radikal neue Herausforderungen stellen.
Künstliche Intelligenz wird uns Menschen vor radikal neue Herausforderungen stellen.

Warum Roboter immer noch nicht an der WM teilnehmen können

Die CEBIT ist gerade zu Ende gegangen – ein Festival der Quantensprünge bei der Fortentwicklung Künstlicher Intelligenz (KI): Maschinen, die „Gefühle“ kommunizieren, sich selbst verbessernde AI und neue Spitzenleistungen kollaborativer Roboter. Diese scheinen den Menschen bei der Mensch-Maschine-Interaktion immer stärker in den Hintergrund zu drängen. Verantwortlich dafür ist das sogenannte Deep Learning – also künstliche neuronale Netze, die heute in jedem Smartphone zu finden sind und die sich als rückgekoppeltes neuronales Netzwerk durch Training immer weiter verbessern – wie ein Mensch.

Innovationen lassen sich nicht mittels Algorithmen berechnen, sondern entstehen durch Musterbrüche.

Das ist interessant, weil viele KI-Experten nach wie vor der Überzeugung sind, dass KI essenziell menschlich kontrolliert ist, weil wir sie programmieren – immer biased, aber im Fahrersitz. Mit selbstreferentiellem Lernen dringt Artificial Intelligence immer stärker in ehemals genuin menschliches Terrain vor. Aber Kreativität, emotionale Intelligenz, Empathie oder Körperbewusstsein scheinen zumindest mittelfristig nicht mehr alleiniger USP des Menschen zu sein. In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an das #adalovelace Festival 2017, bei dem ein Hinweis des SAP-Futuristen Martin Weczowski mich gleichzeitig begeisterte und nachdenklich stimmte: Die Künstliche Intelligenz AIVA komponierte klassische Musikstücke – und das wirklich berührend.

Doch (noch) gibt es Grenzen der KI – oder würden Sie sich bei der Fußball-WM ein Spiel zwischen zwei Robotermannschaften ansehen wollen?

KI rückt den Menschen in den Mittelpunkt

In unserer Gegenwart gilt allerdings: Gerade die umfassende Digitalisierung und die fortschreitende Künstliche Intelligenz führen dazu, dass die Mitarbeiter zunächst mit ihren ureigenen menschlichen Fähigkeiten wieder in den Fokus rücken. In der Old Economy standen die Prozesse im Mittelpunkt – Produktion, Entwicklung und Administration waren auf Effizienz und Maximierung des Outcomes getrimmt. Im digitalen Zeitalter lauten die Erfolgsfaktoren jedoch Innovation und Agilität – aus Effizienz wird Effektivität. Und damit kommen die Menschen ins Spiel; Menschen, die das Richtige tun. Denn Innovationen lassen sich nicht mittels Algorithmen berechnen, sondern entstehen durch Musterbrüche, Disruption und vernetztes Querdenken. Gleichzeitig werden Kooperationen – innerhalb des Unternehmens und im externen Eco-System – immer wichtiger, um die Kraft der Diversität wie etwa in Co-Creation-Projekten zu heben.

Wenn der Mensch als Gestalter und nicht mehr als Ausführender in den Mittelpunkt unserer Organisationen rückt, verändert dies unsere Arbeitswelt umfassend.

Und last but not least gewinnt der Mensch als Kunde an Bedeutung: Individuelle Customization erhält einen immer größeren Stellenwert in der Produktentwicklung – neben der Technologie leistet hier der Mitarbeiter dank sozialer Intelligenz und Kreativität gegenüber der Künstlichen Intelligenz seinen Beitrag.

KI: Von der Technologie zur sozialen Revolution

Das Fortschreiten der KI treibt also eine soziale Revolution voran: Wenn der Mensch als Gestalter und nicht mehr als Ausführender in den Mittelpunkt unserer Organisationen rückt, verändert dies unsere Arbeitswelt umfassend: Mitarbeiter werden befähigt statt kontrolliert. Sie arbeiten selbstorganisiert an Lösungen für Herausforderungen, von denen sie gestern noch nicht wussten, dass sie morgen erfolgskritisch sind. In der Unternehmenskultur zählt das Wir und nicht länger das Ich. Unterstützt wird diese Arbeitswelt – die nicht mehr New Work, sondern Standard ist – von Social Tools wie Slack und Co., sodass im Unternehmen schließlich ein neues mitarbeiterzentriertes Betriebssystem mit einem optimalen Dreiklang aus Organisation, Mitarbeitern und Technologie implementiert wird.

Und warum möchten die meisten von uns keine WM der Roboter-Mannschaften sehen und ziehen stattdessen echte Spieler vor? Weil wir Gefühle, menschliche Werte wie Fairplay und die Einzigartigkeit von Individuen schätzen und weil beim menschlichen Fußball eben nichts nach logischen Algorithmen abläuft, sondern auch mal chaotische, überraschende Situationen entstehen.

Neue Werte für die neue (Arbeits)welt

Wie bei jedem Umsturz müssen wir uns auch bei der sozialen Revolution durch die fortschreitendende Künstliche Intelligenz fragen: Welche Werte sollen in Zukunft gelten? Wir stehen heute ganz am Anfang einer disruptiven Entwicklung, deren Ende wir noch überhaupt nicht absehen können. Wollen wir zum Beispiel, dass eines Tages KI-basierte Systeme in Krankenhäusern Diagnosen stellen und damit Entscheidungen über Leben und Tod beeinflussen oder gar treffen? Oder wie gehen wir mit sensiblen persönlichen Daten um, die durch automatisierte Lösungen erzeugt oder gesammelt werden?

Wir werden KI als erste menschgemachte Technologie ab einem gewissen Punkt nicht mehr kontrollieren oder verstehen.

Auch hier gilt: Wir müssen lernen, uns in Bezug auf KI mit Herausforderungen zu beschäftigen, die wir heute noch gar nicht absehen können. Dabei dürfen wir nicht nur die faszinierenden Möglichkeiten der „Elektrizität des 21. Jahrhunderts“ im Blick haben, sondern müssen Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit der Technologie als einen wesentlichen Baustein in unserem zukünftigen Wertekanon verankern. SAP beispielsweise arbeitet bereits an einem Verhaltenskodex für KI, dessen kategorischer Imperativ für maschinelles Lernen lautet: „Baue keinen Algorithmus, der etwas tut, was auch Menschen nicht tun sollten“. Dies sind erste Ansätze, die in die richtige Richtung führen und die wir mit fortschreitender Technik stets fortschreiben müssen.

Der Mensch: Spielgestalter oder Spielball von KI?

Künstliche Intelligenz kann bereits heute sehr vieles viel besser als der Mensch. Algorithmen werden weder müde noch krank und haben auch nie einen schlechten Tag. Dementsprechend gilt: Die Künstliche Intelligenz ist eine Chance für alle. Aber nur dann, wenn wir sie richtig gestalten. Denn eines ist auf der CeBIT 2018 von allen Experten klargestellt worden: Wir werden KI als erste menschgemachte Technologie ab einem gewissen Punkt nicht mehr kontrollieren oder verstehen. Die genannten Deep Learning Algorithmen verstehen wir heute schon nicht mehr und sehen nur den Output der Rechenleistung.

Interessant wird es, wenn Maschinen so klug werden, dass sie bessere Versionen ihrer selbst bauen können. Bleiben die Menschen Taktgeber der Entwicklung und betrachten Chancen wie Risiken gleichermaßen, kann die Technik uns optimal unterstützen – und ist eventuell irgendwann sogar in der Lage, ein mitreißendes Fußballspiel zu bieten.

Christina Bösenberg
Christina Bösenberg

Christina Bösenberg ist Expert Agile Strategy bei der Haufe Group. Sie verantwortet die Transformationsberatung des Unternehmens.

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