Innovation Digitalisierung

Minority Report becomes Reality: Neurowissenschaft in China

Kommentar Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften werden die kommenden Jahre bestimmen. Wer wissen will, wohin die Reise geht, muss nach China schauen. Zu sehen sind faszinierende Fortschritte, die große ethische Fragen aufwerfen. Gastautor Marc Wagner hat sich umgeschaut.

Unser Gehirn wird vermessen - und manipuliert.
Unser Gehirn wird vermessen - und manipuliert.

Faszination Neuroscience 

Seitdem ich mich intensiv mit New Work und der Auswirkung von Digitalisierung auf die Arbeit und deren strukturelle Abbildung durch „Company Rebuilding“ beschäftige, fasziniert mich das Thema Neuroscience. Vieles habe ich darüber gelesen und über Interviews und Diskussionen erfahren. Umso faszinierender war es, auch einmal die chinesische Perspektive auf das Thema Neuroscience zu erfahren. Ich hatte die Gelegenheit, eine Learning Journey mit Prof. DaiWei von der Fudan University zu begleiten. Er beschäftigt sich intensiv mit Fragen rund um Neurowissenschaft und Big Data und insbesondere mit der praktischen Anwendung der Themen. Auf der Reise konnten wir sowohl den „Open Learning“ Campus (für lebenslanges Lernen mit starken Fokus auf zum Beispiel ältere Menschen, die keine Gelegenheit hatten, einen Hochschulabschluss zu machen) besuchen als auch mehrere Inkubatoren rund um Neurowissenschaft und Data Science.

Future Learning: von Lernoptimierung bis zum Emotional Assessment

Den Auftakt bildete die Zusammenkunft in einem futuristisch anmutenden „Learn Lab“. Dessen Zielsetzung lautet zusammengefasst: Lernverhalten erfassen und positiv beeinflussen. Dafür ist der gesamten Raum mit Kameras, Mikrofonen und Bildschirmen ausgestattet, auf denen diverse KPIs, Messkurven und Informationen sichtbar sind. Erfasst wird hier nicht nur das Online-Lernverhalten, welches sich aus klassischer Fortschrittsmessung während der MOOCs oder Online-Kurse ergibt, sondern insbesondere Konzentration und Aufmerksamkeit der Studenten. Dies erfolgt über entsprechende Headsets, welche die Gehirnaktivitäten messen (siehe Foto) und wird kombiniert mit Gesichts- und Bewegungserkennung per Kamera. Ich hatte die Gelegenheit, einen kleinen Selbstversuch zu starten. Was die Analyse in Richtung Konzentration und Aufmerksamkeit hervorbrachte, bildete erstaunlich gut mein persönliches Empfinden ab. Insbesondere meine anfängliche Aufregung wurde sehr gut erfasst und drückte sich in abfallender Konzentration und Aufmerksamkeit aus.

Mehr als ein kleines Headset braucht man nicht, um Hirnaktivitäten zu messen.   Foto: Marc Wagner
Mehr als ein kleines Headset braucht man nicht, um Hirnaktivitäten zu messen. Foto: Marc Wagner

Nach der praktischen Demonstration folgte ein gleichzeitig faszinierender und teilweise befremdlicher Vortrag zum den aktuellen Stand von Neuroscience, Gehirnforschung und über die Fortschritte insbesondere in der Sensorik und der Messung von Gehirnaktiviäten. Faszinierend waren die Ausführungen dazu, was mittlerweile in Sachen von Messung, Auswertung und Manipulation von Gehirnaktivitäten möglich ist. So lassen sich nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration oder die jeweilige Stimmungslage ziemlich präzise messen. Vielmehr sind auch recht konkrete Rückschlüsse auf die persönliche Einstellung von Personen oder deren Sozialverhalten möglich. So lässt sich zum Beispiel vorhersagen, ob Personen zu Depressionen neigen, anfällig für Korruption sind, ob die Gefahr besteht, drogenabhängig zu werden oder zum Betrug zu neigen. Minority Report becomes reality. Ebenfalls möglich und bereits verfügbar: Potenzial-Analysen und Lernempfehlungen für Kinder auf Basis von Brainscans.

Zudem lassen sich, glaubt man den chinesischen Forschern, die Einstellungen und Empfindungen von Personen untereinander messen und analysieren – zum Beispiel, ob zwischen Ehepartnern positive Gefühle bestehen.  Falls nicht, lassen gezielte Impulse eine Manipulation der Emotionen zu: aus Hass wird plötzlich Liebe – tolle neue Welt der Gehirnmanipulation ...

China ist in Sachen Gesichtserkennung schon extrem weit.   Foto: Marc Wagner
China ist in Sachen Gesichtserkennung schon extrem weit. Foto: Marc Wagner

Zumindest in China ebenfalls kein Problem sind die Messung und die Analyse des Sozialverhaltens von Mitarbeitern am Arbeitsplatz. Dafür werden über Kameras und Voice-Recorder Verhaltensweisen, Emotionen (Stresslevel, Angst, Freude …) und die Beziehungen zwischen den Mitarbeitern erfasst. Dies bietet nicht nur Grundlage für die Beurteilung der Mitarbeiterleistung, sondern insbesondere auch für die gezielte Restrukturierung und Optimierung von Organisationen. Auch Ästhetikanalysen sind in Form von Brainscans möglich, wie ein eindrucksvoller Fall in China zeigte, bei dem auf Grundlage einer solchen Analyse die Verpackung von Produkten angepasst wurde, womit aus einem Ladenhüter plötzlich ein Kassenschlager wurde.

Data-driven business

Anschließend ging es weiter zum Big Data Innovation Accelerator, einer Kooperation des Shijet Hi-Tech Park, Shanghai Supercomputer Centers sowie der der Shanghai Big Data Alliance, in der die Fudan University rund um Big Data und Artificial Intelligence (AI) forscht und schon eine Reihe ganz konkreter Anwendungsfälle und Produkte entwickelt hat.

Zu Beginn durften wir erst einmal spielen, und zwar mit einer sehr ausgefeilten Form der Gesichtserkennung, bei der neben einer präzisen Identifikation der Person auch Gefühlsregungen (in Form von Smilies), das Engagement-Niveau, das Geschlecht sowie eine ungefähre Altersabschätzung erfolgten. Kombiniert man dies mit einem Algorithmus, der Bewegungen und Bewegungsabläufe analysiert, entsteht ein sehr mächtiges Tool, mit dem man zum Beispiel Terror-Akte oder Straftaten (gerade von Gruppen) vorhersagen kann. In der U-Bahn in Shanghai wird dies bereits eingesetzt, und Shanghai bietet mit Millionen Kameras enormes Betätigungsfeld. Darüber hinaus kann diese Technologie natürlich für viel harmlosere Themen genutzt werden, etwa als Grundlage für Bewegungsabläufe von Figuren in Zeichentrickfilmen.

Weitere Anwendungsfälle sind zum Beispiel Gesichts- und Aufmerksamkeitsanalysen im TV- und Werbebereich. Repräsentative Testgruppen schauen Serien und TV Shows vor der Veröffentlichung an, mittels Sensoren werden deren Aufmerksamkeit, Augenbewegungen, Augenfixierung und emotionale Reaktionen erfasst. Anschließend schneiden die Verantwortlichen die Produktionen so, dass maximales emotionales Engagement sowie Aufmerksamkeit sichergestellt werden. Die Ergebnisse dienen zudem dazu, künftige Produktionen zu designen. Viele Online-Filmplattformen setzen diese Technologie bereits flächendeckend ein. 

Zudem wird Werbung gezielt dann eingespielt, wenn der Aufmerksamkeitspegel am Höchsten ist – und dies abhängig vom Geschlecht oder der jeweiligen Altersgruppe der Zuschauer. Danach richtet sich am Ende auch die Bepreisung von Werbung. Insbesondere Internet-TV-Produktionen ermöglichen so eine vollständig individualisierte Platzierung von Werbung – zum Beispiel direkt auf dem T-Shirt oder der Kaffeetasse des Lieblingsschauspielers.

Wollen wir die Zukunft aufhalten oder aktiv mitgestalten?

Mein Fazit dieses kurzen Ausflugs in die Welt von Neuroscience, Affective Computing, Big Data etc. lautet: Wir bewegen uns technologisch mit Höchstgeschwindigkeit in ein neues Zeitalter. So wie wir aktuell einen Wandel der Nutzer-Schnittstelle von Text in Richtung Voice erleben, wird dies in Zukunft immer stärker direkt über Gehirnschnittstellen erfolgen. Waren wir in der Vergangenheit noch in der Lage, unsere Gefühlsregungen und dunklen Geheimnisse zu verbergen, so werden wir dies zukünftig wahrscheinlich nicht mehr tun können. Und auch der manipulativen Kraft von Technologie können wir uns im Zeitalter von Internet, Big Data und künstlicher Intelligenz nicht entziehen. Die Frage ist nicht nur, welche lukrativen Geschäftsmodelle diese neue und faszinierende Technologie ermöglicht oder wie diese unser Lernverhalten verbessern kann. Die Frage wird vielmehr auch sein, ob wir diese Technologie weise und auf eine ethisch vertretbare Weise einsetzen werden. Das können wir nicht dadurch beantworten, dass wir auf unserer europäischen Insel weitere Regularien oder Gesetze erlassen, die die Nutzung dieser Technologie behindern oder unmöglich machen. Sonst werden die Entwicklungen einfach woanders vorangetrieben. Antworten werden wir nur dann liefern können, wenn wir diesen Technologien konstruktiv kritisch gegenüberstehen und uns mit den Chancen und Risiken aktiv und verantwortungsvoll auseinandersetzen. Denn Fortschritt lässt sich – das ist ein Naturgesetz – nicht aufhalten.

 

Marc Wagner

Marc Wagner ist Mitglied des Management Board der Detecon. Er verantwortet die Practice Company Rebuilding und begleitet Unternehmen bei der digitalen Transformation rund um die Themen digitale Ökosysteme, Innovation und zukunftsfähige Arbeitsorganisationen. Dabei beschäftigt er sich unter anderem auch mit Entwicklungen in China – von organisatorischen Strukturen, über digitale Geschäftsmodelle bis hin zu technologischen Entwicklungen.

Empfohlene artikel