Innovation Selbstorganisation

„Digitalisierung wird die Fabrikarbeit revolutionieren“

Interview Agilität, Selbstorganisation und mehr Flexibilität für die Mitarbeiter – das wird auch die Arbeit am Fließband verändern. Hermann Arnold, Chairman von Haufe-umantis, ist überzeugt, dass digitale Technologien die Fabrik der Zukunft radikal verändern werden.

Die wirkliche agile Revolution steht in der Fabrikarbeit bevor.
Die wirkliche agile Revolution steht in der Fabrikarbeit bevor.

Herr Arnold, neue Organisationsformen, neue Arten der Zusammenarbeit, agiles Management … Wenn es um die Zukunft der Arbeitsgestaltung geht, ist fast ausschließlich von Wissensarbeit die Rede. Spielt die Frage für die Organisation von Fabrikarbeit keine Rolle?

Der Eindruck täuscht nicht: In der öffentlichen Diskussion ist das Thema Fabrik der Zukunft wenig präsent. Dabei stellen Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz alte Gewissheiten am Fließband mindestens genauso in Frage, wie all die Digitalisierung die Büroarbeit. Robotik und Automatisierung kommen in der Öffentlichkeit aber eigentlich nur vor, wenn vor dem Verlust von Millionen Arbeitsplätzen in der Produktion gewarnt wird. Dabei bieten Digitalisierung und alles, was damit zusammenhängt, gerade in der Produktion enorme Möglichkeiten, die Arbeit für die Mitarbeiter zu erleichtern und zu verbessern. Was die Anzahl an Mitarbeitern betrifft, lässt sich keine gute Prognose treffen. Es werden aber sicher andere Jobs sein.

Wo liegen denn die Herausforderungen?

In der Automobil-Industrie ist der Arbeitstag enorm hoch getaktet. Die Mitarbeiter am Band haben 80 Sekunden Zeit für ihre Handgriffe. Dann muss der Arbeitsschritt fertig sein und das nächste Teil kommt. Wieder 80 Sekunden. Diese Akkordarbeit ist fast unmenschlich. Es geht allein um Effizienz. Mitarbeiter haben in der Regel keine Freiräume. Jeder Handgriff ist vorgegeben, Eigeninitiative ist nicht gefragt. Die Arbeitsplätze sind deshalb nicht mehr so attraktiv, Unternehmen haben ein wachsendes Rekrutierungs- und Nachwuchs-Problem. Gleichzeitig schöpfen sie das vorhandene Potenzial ihrer Mitarbeiter nicht oder nur sehr wenig aus. Hier können Digitalisierung und der Einsatz von intelligenten Werkzeugen helfen.

Die Akkordarbeit am Fließband ist nahezu unmenschlich. Es geht allein um Effizienz. Das macht viele Industriearbeitsplätze unattraktiv, Unternehmen haben Nachwuchsprobleme.
Hermann Arnold

Inwiefern?

In erster Linie geht es um Flexibilisierung. Wenn Takte und Arbeitsschritte flexibler werden, können Mitarbeiter beispielsweise ohne Probleme auch dann aufs WC, wenn sie müssen. Und nicht wenn ihre offizielle „Pinkelpause“ ansteht. Oder aber neue Mitarbeiter können früher einsteigen in den Produktionsprozess, obwohl sie zu Beginn noch länger für einen Arbeitsschritt benötigen. Menschen können ihre Arbeitsschritte erweitern oder an anderen Stationen arbeiten. Unternehmen können mögliche Engpässe in der Produktion leichter ausgleichen.

„In der Fabrik der Zukunft geht es auch darum, Aufgaben von der Linie in die Teams zu verlagern. Umso flexibler und effektiver zu werden.“ Sagt Hermann Arnold, Chairman bei Haufe-umantis.

Das ist aber nur der Anfang. Morgen dreht sich alles um die Frage, wie auch die Mitarbeiter in der Produktion jenseits des effizienten Arbeitens am Bestandsgeschäft einen Beitrag zum nachhaltigen Unternehmenserfolg leisten können.

Was heißt das?

In der Automotive-Industrie gibt es ganz verschiedene Themen. Eines, das die Zukunft sicher bestimmen wird, ist die Mensch-Maschine-Interaktion. Und zwar dann, wenn die Maschine leitet, nicht der Mensch. Nehmen wir das Beispiel Uber. Das Einzige, was ein Uber-Fahrer mitbringen muss, ist der Führerschein. Den Rest erledigt die App. Sie besorgt ihm Kunden, sie navigiert ihn zum Ziel und sie übernimmt die komplette Zahlungsabwicklung. Das versetzt prinzipiell jeden Menschen mit gültigem Führerschein in die Lage, für Uber zu arbeiten. Die Einarbeitungszeit liegt quasi bei null. Die Frage, die wir uns stellen lautet: Funktioniert etwas Ähnliches auch in der Fabrik?

Technologie kann dabei helfen, die Einarbeitung neuer Mitarbeiter zu erleichtern und Fabrikarbeitern die Chance eröffnen, öfter neue Aufgaben zu übernehmen. 

Auspuffe einzubauen ist aber etwas anderes als Autofahren …

Sicherlich. Aber es lassen sich Ideen ableiten. Wie gesagt, die Arbeit am Fließband ist heute hoch standardisiert, die Handgriffe sind vorgegeben. Niemand muss Mechatroniker sein, um viele der Arbeitsschritte zu leisten. Warum also nicht einem neuen Mitarbeiter mithilfe einer Datenbrille und virtueller oder gemischter Realität die Arbeitsgriffe im wörtlichen Sinn vor Augen führen und ihn durch den Montageprozess leiten? Die Brille fungiert dabei auch als Kontrollinstanz. Wenn das System merkt, dass der Mitarbeiter einen Fehler macht, meldet es dies und bietet selbst oder durch Zuschaltung eines Mentors Hilfe an. So lernt der Mitarbeiter selber immer dazu und beherrscht seine Aufgaben innerhalb kurzer Zeit.

Diese Kontrolle klingt im ersten Moment wie „big data is watching you“. Aber dies ist auch gleichzeitig eine Chance. Wenn ich heute eine kleine Verbesserung in meinem Arbeitsschritt mache, bemerkt dies in der Regel niemand. Die Überprüfung durch Technologie nimmt dies jedoch wahr. Dadurch bekomme ich eine Anerkennung, die meiner Karriere dienlich ist – und die Mikroinnovation wird anderen Mitarbeitern in Echtzeit weitergegeben.

Die Vorteile für Unternehmen sind sichtbar, aber was haben Mitarbeiter davon?

Zum einen können sie leichter und schneller neue, andere Aufgaben übernehmen. Weniger Routine, weniger Langeweile sind das Ergebnis. Zum anderen werden auch Mitarbeiter flexibler. Wenn mithilfe der Datenbrille prinzipiell jeder ohne lange Einarbeitung Arbeitsprozesse übernehmen kann, wird es möglich, dass Mitarbeiter einmal früher gehen, weil sie das Kind aus der Kita abholen müssen. Denn ein Kollege kann ihre Aufgaben übernehmen. Es geht bei der Mensch-Maschine-Interaktion nicht darum, Menschen zu ferngesteuerten Cyborgs zu machen. Im Gegenteil: Wenn wir die Technologie richtig anwenden, kann sie uns helfen, die Arbeit am Fließband menschlicher zu machen.

Digitale Technologie wird auch in der Produktion Selbstorganisation möglich machen und Zwischenschichten im Management überflüssig machen.

Es bleibt aber bei Command & Control, nur dass die Kontrolle zum Teil von Software übernommen wird.

Meine These lautet: Mit intelligenter Technologie wird es möglich, viele Aufgaben aus der Linie und aus dem Stab in die Produktionsteams zurück zu verlagern. Personaleinsatzplanung zum Beispiel kann dann im Prinzip in den Teams erfolgen: Wer ist wann da, wer übernimmt welche Arbeitsschritte? Das kann das Team selber planen, weil eine intelligente App diese Planung unterstützt und im gesamten Produktionsprozess koordiniert. Auch die teamübergreifende Zusammenarbeit wird leichter, weil sie mit Hilfe von Technologie unterstützt wird. Die Einarbeitung und das Mentoring – all diese Aufgaben können von der Linie bzw. HR in die Teams wandern, die so mehr Verantwortung, aber auch mehr Freiheiten bekommen. Mit anderen Worten: Zwischenschichten verlieren auch in der Produktion an Bedeutung. Selbstorganisation wird auch in der Produktion möglich. Der Mensch rückt (wieder) in den Mittelpunkt.

Christoph Pause
Christoph Pause
Chefredakteur Haufe Group

Christoph Pause ist Chefredakteur New Management bei der Haufe Group. Er ist seit fast 20 Jahren Journalist mit Leib und Seele und fasziniert von den Möglichkeiten, die eine mitarbeiterzentrierte Unternehmensführung Menschen und Organisationen eröffnet.

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