New Work Selbstorganisation

Was Führungskräfte und Eier gemeinsam haben

Führung ist nicht statisch. Eine Führungskraft kann in dem einen Moment genau die richtige sein, in anderen Situationen aber überfordert oder einfach fehl am Platz. Führung hat deshalb ein Verfallsdatum - wie Eier. Eine Antwort auf diese Herausforderung ist die regelmäßige Wahl von Führungskräften.

Eier sind nur eine begrenzte Zeit frisch. Bei Führung ist das ähnlich. Foto: pixabay.com

Führung geht nicht ewig

Was haben Führungskräfte und Eier gemeinsam? Beide haben ein Verfallsdatum. Ab dem Tag X fehlt ihnen die Frische und sie stiften keinen Nutzen mehr. „Das geht zu weit“, mögen Sie jetzt denken. „Führungskräfte stehen, wo sie stehen, weil sie die richtigen Skills und das richtige Mindset mitbringen. Und weil sie führen können.“ Richtig. Das stelle ich gar nicht in Frage. Aber: Ist jemand, der in einer bestimmten Situation eine Aufgabe übernommen hat, auf unbestimmte Zeit der oder die Richtige? Führungsaufgaben wandeln sich, weil sich die Rahmenbedingungen verändern. In jedem Fall wandeln sich die Herausforderungen für eine Führungskraft. Und da kann es eben sein, dass Manager A genau der Richtige war, um eine neue Geschäftseinheit aufzubauen, aber nicht mehr der richtige Manager ist, um die Geschäftseinheit zu leiten, wenn sie etabliert ist. Weil sein Können und sein Wissen vor allem für den Unternehmensaufbau passen, nicht für den Regelbetrieb. Das sagt viel aus über unser Verständnis von Führung bei Haufe-umantis, und ich habe auf der Konferenz mexcon18 darüber gesprochen (siehe Video). Ich will hier kurz zusammenfassen, worum es uns geht.

Ist jemand, der in einer bestimmten Situation eine Aufgabe übernommen hat, auf unbestimmte Zeit der oder die Richtige?

Wir haben bei Haufe-umantis vor 5 Jahren damit begonnen, Führungskräfte zu wählen. Unser damaliger CEO und Unternehmensgründer, Hermann Arnold, meinte, angesichts des Wachstums und der damit verbundenen großen Veränderungen im Unternehmen solle ich den CEO-Posten übernehmen. Ich könne den Change besser gestalten als er.  Ich war sofort dazu bereit, doch Hermann meinte: „Das ist nur meine Meinung. Lass uns die Mitarbeiter fragen, ob sie die Idee auch gut finden.“ Demokratische Wahlen im Unternehmen! Obwohl alle um mich herum und alle Experten, die ich gefragt habe, meinten, dass das eine Schnapsidee sei, war ich dafür. 

Wer A gut kann, muss nicht auch X beherrschen

Und so habe ich mich und mein CEO-Programm den Mitarbeitern auf einer Versammlung vorgestellt. Und sie haben mich mit 85 Prozent der Stimmen gewählt. Für meine Arbeit war das großartig, denn ich musste mich nicht rechtfertigen dafür, CEO zu sein. Keine Fragen wie „Warum Du und nicht ich oder ein anderer?“, denn ich war ja gewählt worden. Und mein Beispiel machte Schule, denn nach einem halben Jahr kamen die anderen Führungskräfte bei Haufe-umantis zu mir sagten, sie wollten sich auch zur Wahl stellen. Warum? Weil sie gesehen hatten, wie stark das Commitment der Mitarbeiter zu meiner Person UND zu meinem Programm als CEO war, da sie mich gewählt hatten. Und diesen Support, diese Unterstützung wollten sie auch.

Die Wahl von Führungskräften stellt sicher, dass in jedem Jahr genau die Menschen Führungsverantwortung haben, die in dieser besonderen Situation die richtigen sind.

Seitdem wählen wir jedes Jahr all unsere Führungskräfte. Unternehmensweit. Und das ist absolut sinnvoll. Um das zu erläutern, muss ich über Führung und Leadership sprechen. Wer Mitarbeiter fragt, wie sie ihren Chef finden, kriegt in der Regel negative Antworten. „Wir brauchen ihn nicht“, heißt es in unterschiedlichen Variationen. Wenn man aber fragt: „Was erwartet Ihr von Eurem Chef?“, dann kommt oft die Antwort: Visionär soll er sein, auch in unsicheren Zeiten eine klare Vision, ein klares Ziel haben, das alle unter seiner Führung ansteuern können. Sie wünschen sich jemanden wie Steve Jobs. Jemanden wie ein Schweizer Armeemesser, das schneiden, sägen, bohren, feilen kann und auch noch Dosen- und Flaschenöffner ist. Nur: Keine Führungskraft kann 80 und mehr Eigenschaften haben. Es gibt keine Jesus-Profile für Chefs.

Keine Führungskraft kann alles

Deswegen glauben wir so stark an die demokratische Wahl in unserem Unternehmen. Wir legen jedes Jahr fest, welche Rolle, welche Aufgaben der CEO, der CFO, der Head of Sales, der Product Owner für das kommende Jahr übernehmen soll. Und dann entscheiden wir gemeinsam, wer von uns diese spezifischen Aufgaben am besten erledigen kann. Der oder die wird dann gewählt. Und 10 Monate später definieren wir erneut, welche Aufgaben im folgenden Jahr jeweils erledigt werden müssen. Und bestimmen dann die Personen, von denen wir überzeugt sind, dass sie das am besten können.

Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass eine Führungskraft immer die richtige ist.

Wenn die Märkte, die Kunden, die Welt sich permanent verändern, dann muss das auch ein CEO, ein CFO, ein Product Owner tun. Diese Positionen sind nicht in Stein gemeißelt. Genauso wenig wie der passende Führungsstil. Brauchen wir in einer Phase der Markteroberung mehr Top-down-Leadership oder sind Selbstorganisation und Agile Management richtig? Was heute nützt, kann morgen schaden und viceversa. Wir sind überzeugt: Wenn und weil wir unsere Führungskräfte wählen, stellen wir sicher, dass sie ihr Verfallsdatum nicht überschreiten. Anders gesagt: Wir stellen sicher, dass in jedem Jahr genau die Menschen Führungsverantwortung haben, die in dieser besonderen Situation die richtigen sind. Und die Führungsarbeit leisten, die im Moment nötig ist.

Marc Stoffel
Marc Stoffel
CEO Haufe-umantis AG

Marc Stoffel ist CEO der Haufe-umantis AG. Das Besondere dabei: Seine Mitarbeiter haben ihn in diese Rolle gewählt. Sie schätzen an ihm vor allem seine Begeisterungsfähigkeit, seine Kreativität und die Fähigkeit, auch unangenehmes Feedback produktiv umsetzen zu können.

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