New Work

Im Zweifel eher schlau als authentisch

Die Welt des neuen Managements ist voller hochtrabender Begriffe und gut gemeinter Ratschläge. Was davon aber bewährt sich im harten Alltag eines Turnaroundmanagers? Dr. Bodo Antonic gibt Antworten. Diesmal: „Authentizität“.

Authentizität ist wichtig, keine Frage. Aber eigentlich geht es um Wirksamkeit. Das ist nicht immer dasselbe.
Authentizität ist wichtig, keine Frage. Aber eigentlich geht es um Wirksamkeit. Das ist nicht immer dasselbe.

Wenn Authentizität in die Sackgasse führt

Wann waren Sie das letzte Mal authentisch? Ich war es damals beim Pharmagroßhändler, als ich meinem wahren Ich mal wieder freien Lauf ließ. Als dalmatinischer Bulle, der ich nun mal bin, habe ich mein Digitalisierungskonzept einfach den Landeschefs ins Postfach gesendet, Diskussionen unwirsch im Keim erstickt und auf Durchregieren gesetzt. Aber das bereue ich. Denn alle Türen gingen zu, es wurde geflucht, koaliert und antichambriert, und am Ende war ich isoliert. Mein Konzept war so gut wie tot, und das Digitalisierungsthema besetzten andere. Mit Diplomatie, die ich durchaus auch beherrsche, wäre ich wohl weitergekommen.

Nicht authentisch, sondern wirksam sein

Und genau darum geht es. Wir Manager müssen nicht „authentisch“ sein. Sondern wirksam. Und ob „authentisch sein“ überhaupt hilft, „wirksam zu sein“, da trennen sich die Geister. Wie so oft gibt es zwei Schulen. Beide behaupten, den heiligen Gral gefunden zu haben. Und beide bringen Theorien und Forschung in Stellung. Es sind die Schulen des „es braucht ganz viel Authentizität“ versus „Authentizität kann schaden“.

Wer als Manager nur über sich nachdenkt und nicht darüber, was die anderen von ihm wollen und in ihm sehen, wird nicht weit kommen.

Als Praktiker, der immer unter Druck steht und in kurzer Zeit in Unternehmen die Wende zum Besseren erreichen muss, habe ich eine sehr bodenständige Sicht auf das Thema. Authentizität ist bestenfalls ein Hebel, um als Führungskraft Erfolge zu erzielen. Damit der Hebel greift, bedarf es aus meiner Sicht einiger Voraussetzungen.

Die Innen- und die Außensicht auf Authentizität

Denn „authentisch sein“ heißt ja irgendwo, im Einklang sein mit dem, was man ist, was man fühlt, wofür man steht. Das ist eine edle, aber sehr selbstbezogene Sicht. „Authentisch sein“ heißt aber auch, als derjenige wahrgenommen zu werden, den die anderen in mir erkennen und erkennen wollen. Nur wenn ich deren Sicht auf mich und die Situation erfülle, bin ich glaubwürdig.

Authentizität ist bestenfalls ein Hebel, um als Führungskraft Erfolge zu erzielen.

Konkret: Ein authentisches Raubein zu sein, hilft mir nur, wenn die anderen in mir das Raubein auch erkennen („so ist der halt“) und glauben, dass nur ein Raubein in dieser Situation den Karren wieder aus dem Dreck bekommt. Wer dagegen glaubt, gerade in dieser Situation brauche es den ausgefuchsten Diplomaten, wird auf meine Authentizität pfeifen.

Wer als Manager also nur über sich nachdenkt und nicht darüber, was die anderen von ihm wollen und in ihm sehen, wird nicht weit kommen. Sie oder er wird selbstverliebt Signale senden, die der Situation und dem Auftrag nicht dienen. Oder tölpelhaft sein (Un)Wesen ausleben und gegen Wände rennen.  Ganz wie im Beispiel oben.

Profil haben: ja! Sein Unwesen inszenieren: nein!

Deshalb gilt für mich: Ja, wir Manager müssen einen Kompass haben, wer wir sind, was uns ausmacht und für welche Werte wir einstehen. Wir müssen dies in allen Situationen spüren lassen und diesem roten Faden durch unseren Manageralltag folgen. Das gibt uns Profil und macht uns berechenbar.

Wir sollten aber unsere Authentizität nicht wie eine Monstranz vor uns hertragen. Vieles, was heute unter Authentizität segelt, ist und bleibt Inszenierung, um sich abzuheben: Der CEO auf dem E-Scooter, der CIO mit den abgefahrenen T-Shirts, die CHRO, die immer und überall betont „ich weiß, ich stehe nun mal quer zum Mainstream“, der Sales Officer, der Beziehung herstellen will, indem er permanent sein Privatleben und seine Weltsicht im Kundengespräch ausbreitet. Und vieles mehr.

Auf die Sache kommt es an

Der für mich wichtigste Hebel, um andere hinter sich zu bekommen, ist und bleibt, eine angemessene Antwort darauf zu geben, was die Sache gerade erfordert. Ist meine Anweisung, mein Lösungsvorschlag oder meine Entscheidung einfach schlecht und unangemessen, wird sie auch dadurch nicht mehr Begeisterung auslösen, dass sie im Einklang mit mir, meinen Werten und meiner Persönlichkeit steht.

Wir sollten unsere Authentizität nicht wie eine Monstranz vor uns hertragen. Vieles, was heute unter Authentizität segelt, ist und bleibt Inszenierung.

Für kluge Entscheidungen und gute Lösungen aber mit allem, was einen ausmacht, einzustehen, erhöht ohne Frage die Wirkung. Gerade wenn es Gegenwind gibt. Das erlebte ich überdeutlich, als ich in einem anderen Projekt eine bereits getroffene IT-Entscheidung kippte.

Wo ein Schuss Authentizität dann doch wirkt

Meine Kompassnadel hatte mir in diesem Projekt zu Recht gemeldet, dass bei der Auswahl gegen alles verstoßen worden war, was mir wichtig ist: gründliche Analyse, objektive Bewertung, nachhaltiger Nutzen fürs Unternehmen. Da ich mir als akribischer Korinthenkacker und prinzipienfester Zeitgenosse offensichtlich bereits Anerkennung erworben hatte, beeindruckte meine dalmatinische Bullenhaftigkeit, mit der ich die Revision dieser Entscheidung einforderte, mehr als im Fall, wo ich die Landesfürsten auf die Hörner nahm.

Wir dürfen zu jeder Zeit eine Maske aufsetzen und eine Rolle spielen, solange es einer guten Lösung zum Durchbruch verhilft.

Den begründeten Zweifeln anderer habe ich in dieser Situation gewissermaßen den Weg freigetrampelt. Während der Anblick meiner Hörner offensichtlich den Landesfürsten jede Lust genommen hat, sich mit einem durchdachten Konzept überhaupt auseinanderzusetzen.

Wir sollten daher „authentisch und ganz wir selbst sein“, wo es der Situation dient. Wir dürfen aber auch zu jeder Zeit eine Maske aufsetzen und eine Rolle spielen, solange es einer guten Lösung zum Durchbruch verhilft. Und solange es uns nicht völlig vom Kurs abbringt, den unsere Kompassnadel anzeigt.