Innovation Aufbrecher

„Nur was wir messen, können wir managen“

Interview Immer mehr Unternehmen setzen sich Klimaziele. Anna Alex, Gründerin von Planetly, erklärt im Interview, warum man dafür den ökologischen Fußabdruck messen sollte, wie das geht und was die größten Schwierigkeiten sind.

Schon als Gründerin von Outfittery wollte Anna Alex herausfinden, wie groß der CO2-Fußabdruck des Unternehmens ist. Weil sie keine gute Lösung dafür fand, gründete sie mit Planetly vor eineinhalb Jahren selbst eine Firma, die dafür eine Software anbietet.
Schon als Gründerin von Outfittery wollte Anna Alex herausfinden, wie groß der CO2-Fußabdruck des Unternehmens ist. Weil sie keine gute Lösung dafür fand, gründete sie mit Planetly vor eineinhalb Jahren selbst eine Firma, die dafür eine Software anbietet.

Nachhaltig ist das nächste Digital

Anna, nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das das Klimaschutzgesetz in Teilen für verfassungswidrig erklärt, hat die Bundesregierung die Klimaziele deutlich verschärft. Unternehmen sollen ihre CO2-Emissionen bis 2030 nun um 65 Prozent reduzieren. Das sind für gute Nachrichten fürs Klima. Aber auch für Unternehmen?

Die neuen Klimaziele zeigen vor allem, wie drastisch wir den CO2-Ausstoß reduzieren müssen, um die Klimaerwärmung aufzuhalten. Wir haben noch sieben Jahre Zeit, um das Ruder herumzureißen. Ein verpflichtendes CO2-Reporting nach Branchen und Unternehmensgrößen, wie es für die nächste Wahlperiode angedacht ist, halte ich für den richtigen Weg. Schärfere Gesetze allein können uns aber nicht retten. Wir müssen auch privatwirtschaftlich mehr tun. Nachhaltigkeit ist das nächste Digital: Die Transformation wird riesengroß und die Wirtschaft genauso verändern wie die Digitalisierung. Deshalb ist es höchste Zeit für Unternehmen, Nachhaltigkeit in ihre Kernstrategie mit aufzunehmen, wenn sie das noch nicht getan haben.

Nachhaltigkeit ist das nächste Digital: Die Transformation wird riesengroß und die Wirtschaft genauso verändern wie die Digitalisierung.
Anna Alex

Das könnte teuer werden, oder?

Natürlich ist das eine Investition, aber die ist im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht, überschaubar. Das kann ich nun wirklich gut beurteilen, da wir bei Planetly eine Software zur Messung von CO2-Emissionen anbieten. Eine höhere Transparenz darüber, wo die größten Emissionen anfallen, kann sogar Kosten sparen, zum Beispiel in Bezug auf die Energieeffizienz. Abgesehen davon, dass wir den Planeten für unsere Kinder erhalten können, gibt es viele rationale Gründe für Unternehmen: Klimaneutralität lohnt sich.

Was haben denn Unternehmen wirklich davon, wenn sie ihren ökologischen Fußabdruck messen? Vor allem gutes Marketing?

Neben den gesetzlichen Anforderungen gibt es zwei Aspekte: zum einen das Upside Potential – also wie Unternehmen zum Beispiel finanziell davon profitieren, den CO2-Fußabdruck zu messen und auszugleichen. Das andere ist die Downside Protection, also der Schutz des Klimas und der Erhalt unserer Lebens- und Wirtschaftsbedingungen.

Die Arbeitgebermarke stärken

Was heißt das konkret, also was motiviert Unternehmen am meisten, sich ums Klima zu kümmern?

Im Moment ist die Motivation Nummer 1, die eigene Arbeitgebermarke zu stärken. Laut aktuellen Studien bevorzugen nahezu drei Viertel der Beschäftigten Unternehmen mit einer Klimastrategie, und noch mehr würden dann auch länger bei ihrem Arbeitgeber bleiben. HR ist einer der größten Profiteure von Klimaaktivitäten. Aber auch Konsumenten und die Kapitalmärkte achten immer stärker auf Klimaneutralität. In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass Investments mit einem starken ESG-Profil (Environment, Social und Governance als Kriterien für Nachhaltigkeit, Anm. d. Red.) besser performen. Das macht sie resilienter und somit erholen sie sich auch schneller wieder nach einer Krise.

Im Moment ist die Motivation Nummer 1, die eigene Arbeitgebermarke zu stärken. HR ist einer der größten Profiteure von Klimaaktivitäten.
Anna Alex

Bedeutet das, die CEOs treiben das Thema – oder wer hat Klimaschutz in Unternehmen vor allem auf der Agenda?

Bei uns melden sich viele Personalverantwortliche, die Klimaprojekte anstoßen möchten. Immer mehr Menschen fragen in Bewerbungsgesprächen, ob Unternehmen denn klimaneutral sind. Natürlich ist es gut, wenn der Antrieb von ganz oben kommt und CEOs das Thema aus Überzeugung treiben. Das sehen wir zum Beispiel bei den „Carbon Heros“, also bei Vorreiterunternehmen wie Patagonia oder Vaude. Für mich ist es aber eine gute Nachricht, dass wir nicht darauf angewiesen sind, dass alle CEOs jetzt plötzlich über Nacht feststellen, dass sie das Klima schützen möchten. Es geht nicht nur um die intrinsische Motivation, weil es genügend extrinsische Motive gibt, warum Unternehmen jetzt aktiv werden sollten.

Es geht nicht nur um CO2

Nicht nur direkte CO2-Emissionen zerstören das Klima – auch Müll oder Giftigkeit von Materialien für die Herstellung von Produkten sind ein Faktor. Wie kann man den ökologischen Fußabdruck überhaupt messen?

Man misst nicht nur CO2, sondern insgesamt bis zu sechs weitere verschiedene Klimagase, darunter etwa Methan. Biodiversität ist im Moment am schwersten zu messen. Alle Aktivitäten in Unternehmen, auch die, die vor- und nachgelagert sind, stoßen gewisse Emissionen aus und werden umgerechnet in CO2-Äquivalente. Dazu gehören zum Beispiel der Stromverbrauch in Büros, der Verbrauch der Produktionsanlagen und der Logistik, Geschäftsreisen und der Arbeitsweg der Beschäftigten.

Das hört sich sehr aufwendig an…

Die Datenerhebung ist nicht immer einfach und macht auch nicht besonders Spaß, um ehrlich zu sein. Aber ohne geht es nicht. Nur was wir messen, können wir managen. Wir sind zurzeit noch weit davon entfernt, alles messbar machen zu können, aber wir werden immer besser. Mit einer guten Analyse kann man die Emissionen über die Zeit beobachten und auch Vorhersagen für die Zukunft treffen. Häufig haben die Unternehmen schon Daten, die sie dafür verwenden können, zum Beispiel über ERP-Systeme oder Travelmanagement-Tools. Wir bei Planetly automatisieren die Datensammlung wo möglich und halten uns eng an die Berechnungsstandards des Carbon Accountings und des Greenhouse Gas Protocol, das alle Emissionen in Scope 1, 2 und 3 unterteilt.

Was steckt hinter diesen Scopes?

Vereinfacht gesagt bezieht sich Scope 1 auf den Standort des Unternehmens und alles, was dort direkt in die Luft geblasen wird, durch Industriemaschinen oder die Fahrzeugflotte. Scope 2 beinhaltet die gesamte Elektrizität, die verwendet wird, um das Unternehmen am Laufen zu halten. Und Scope 3 umfasst den ganzen Rest, alle Dienstleistungen, Logistik, Provider, Dienstreisen. In Scope 3 fallen 80 bis 90 Prozent der Emissionen. Dazu gehören die gesamten Lieferketten, aber auch der Arbeitsweg der Angestellten.

Was ist denn der größte Hebel, um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren?

Das kommt ganz auf das Unternehmen an. Der größte Batzen liegt in den Lieferketten, den Zulieferern und Dienstleistern – das ist gleichzeitig der komplexeste Teil. Einen Quick-Win kann man meist erreichen, wenn man grüne Energie bezieht oder Büromöbel mietet anstatt sie zu kaufen. Großes Potential bietet zum Beispiel die Logistik, etwa durch die Optimierung der Wege und die Beladung der LKWs.

Aber bisher lässt sich nicht alles reduzieren, oder?

Bei den meisten Unternehmen gibt es im Schnitt ein Reduktionspotential zwischen 20 und 40 Prozent. Alles, was aktuell noch nicht reduzierbar ist, zum Beispiel, weil die nötigen Innovationen oder Technologien fehlen, kann man über Anbieter kompensieren, die dafür Klimaschutz- und Aufforstungsprojekte durchführen. Am wichtigsten ist es, dass man Transparenz über die Emissionen in den einzelnen Bereichen schafft und die Zahlen den Verantwortlichen und Betroffenen kommuniziert. Nur wenn man darüber redet, kriegt man die Leute zum Mitmachen. Wer die Gründe kennt, nimmt die meisten Veränderungen sehr positiv auf, also wenn es zum Beispiel kein Fleisch mehr in der Kantine gibt oder die Fahrzeugflotte elektrifiziert wird.

Am wichtigsten ist es, dass man Transparenz über die Emissionen in den einzelnen Bereichen schafft und die Zahlen den Verantwortlichen und Betroffenen kommuniziert. Nur wenn man darüber redet, kriegt man die Leute zum Mitmachen.
Anna Alex

Wie kriegt man die Emissionen in den Lieferketten in den Griff?

Da braucht es vor allem ein starkes Zeichen in die Lieferkette hinein. Das kann die Weiterbildung von Beschäftigten der Zulieferer umfassen, aber diese müssen auch selbst schauen, wo sie ansetzen können. Klimaschutz ist eine Mammutaufgabe und jeder muss einen kleinen Teil dazu beitragen.

Insert caption here...

Nachhaltigkeit wird Wirtschaft und Gesellschaft so stark verändern wie die Digitalisierung, meint Anna Alex.

Hand aufs Herz: Wie viel Greenwashing ist bei dem Thema mit dabei?

Ich erlebe, dass sehr viele Unternehmen an einer holistischen Lösung zum CO2-Management interessiert sind. Nachhaltigkeit hat viel mit Kulturwandel zu tun, wo natürlich HR ein großer Stakeholder ist. Es ist wichtig, dass das Ganze nicht nur von den Finanzabteilungen berechnet wird und hinter verschlossenen Türen bleibt. Meist meinen es vor allem die Unternehmen ernst, die sehr transparent mit ihrem Nachhaltigkeitsprofil umgehen und gegenüber den Mitarbeitenden ehrlich zugegeben, wo sie noch Handlungsbedarf haben. Denn so viel steht fest: Kein Unternehmen ist perfekt, es gibt immer noch Möglichkeiten, mehr für das Klima zu tun.

Ist es immer so einfach zu beurteilen, welche Abteilung, welcher Bereich oder welches Team für welche Emissionen verantwortlich sind? Da wird vermutlich gerne mal der schwarze Peter hin und her geschoben…

Das stimmt. Es ist nicht immer so einfach zuzuordnen, aber auch hier wird die Zuordnung immer genauer – zum Beispiel durch das sogenannte Internal Carbon Pricing. Dabei gibt man dem CO2 rein rechnerisch einen Preis innerhalb der Firma und jeder Abteilungsleiter oder Abteilungsleiterin hat dann ein Budget dafür, genauso wie bei dem klassischen finanziellen Budget. Auf diese Weise schafft man beim ökologischen Fußabdruck eine Finanzlogik und kann das in die Steuerung der Unternehmen überführen. Wenn es um Aspekte geht, die sich über verschiedene Abteilungen erstrecken, wie etwa der Stromverbrauch, dann wird das eben auf die Köpfe in den jeweiligen Teams heruntergerechnet. Immer mehr Unternehmen knüpfen dies auch an Ziele für die Beschäftigten und eine entsprechende Vergütung – eine Methode, die ich sehr sinnvoll finde.

Zu Nachhaltigkeit gehören auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Siehst Du da nicht die Gefahr, dass Klimaschutz zulasten von sozialen Aspekten geht?

Wie man seine Mitarbeitenden behandelt, ist natürlich ein ganz wichtiger Faktor für Nachhaltigkeit. Und in der Tat kann man das nicht so gut messen wie den ökologischen Fußabdruck. Es gibt einige KPIs wie die CEO-Pay-Ratio, also was das Durchschnittsgehalt von Mitarbeitenden im Vergleich zur Geschäftsführung ist. Doch wir sollten nicht das eine gegen das andere ausspielen. Wir müssen alles tun, um Nachhaltigkeit zu fördern und irgendwo müssen wir eben anfangen.

Bei Planetly habt Ihr inzwischen etwa 55 Mitarbeitende. Wie viel CO2 produziert Ihr und was tut Ihr dagegen?

Auch unsere Emissionen liegen vor allem im Scope 3, denn wir haben keine Firmenfahrzeuge und nutzen Ökostrom. Der Großteil unseres ökologischen Fußabdrucks entsteht beim Fahrtweg der Beschäftigten und ihrer technischen Ausstattung. Diese Emissionen kompensieren wir nicht nur als Firma, sondern schenken den Mitarbeitenden zusätzlich als Weihnachtsgeschenk ihren privaten Fußabdruck in Form von CO2-Kompensationen. Deshalb sind wir inzwischen als Firma klimaneutral.

Wie man seine Mitarbeitenden behandelt, ist natürlich ein ganz wichtiger Faktor für Nachhaltigkeit.
Anna Alex

Die Mitarbeitenden geben also freiwillig an, wie sie zur Arbeit kommen?

Wir machen eine Umfrage zum Thema Pendeln. Wenn nicht alle teilnehmen, ist das nicht schlimm. Wir können das statistisch hochrechnen. Wir sitzen in Berlin Mitte und viele kommen mit dem ÖPNV zur Arbeit. Da ist das natürlich etwas anderes als bei einem Mittelständler auf dem Land, wo die Leute ohne Auto gar nicht hinkommen.

Nachhaltigkeit hat klare betriebswirtschaftliche Vorteile 

Wie sieht denn Eure Unternehmensstrategie diesbezüglich aus – wie lange plant Ihre Eure Emissionsziele voraus?

Bei größeren Unternehmen ist eine langfristige Agenda wichtig. Wir haben uns keine Ziele bis 2030 oder 2045 gegeben – das wäre für uns als Startup ein bisschen vermessen. Wichtig ist aber, dass wir vorausplanen und nicht erst rückwirkend auf das Thema schauen – bei finanziellen Zielen tun Unternehmen das ja auch nicht. Unsere Ziele beziehen sich aktuell auf das kommende Geschäftsjahr. Unsere Vision ist es, die Grundlage für eine klimaneutrale Wirtschaft zu schaffen. Das Gute dabei: Je größer wir werden, desto besser fürs Klima.

Du nennst dieses Modell auch „For Purpose – for Profit“. Wie viel Purpose und wie viel Profit steckt bei Euch denn drin?

Momentan machen wir als junges Start-up noch keinen Profit. Aber selbst wenn es soweit ist, möchte ich mich dafür nicht rechtfertigen. Es ist doch total irre, dass man das von Unternehmen mit einem starken Purpose verlangt, während es von Unternehmen ohne einen Purpose völlig akzeptiert ist, dass sie einfach nur Geld verdienen. Dabei ist doch beides möglich und befruchtet sich gegenseitig: Geld verdienen und damit mehr Möglichkeiten haben, gute Ansätze umsetzen. Das nenne ich auch gern das Purpose Flywheel.

Wir haben uns ganz bewusst konventionelle Investoren reingeholt, die einen exzellenten Ruf am Markt haben. Dass es immer mehr Impact-Investoren gibt, die nur Nachhaltigkeitsunternehmen in ihren Fonds haben, finde ich zwar unterstützenswert. Aber bis heute ist ihr Volumen verschwindend gering und wir brauchen ganz viel Kapital, um die Klimawende zu schaffen.

Entstehen da keine Zielkonflikte – etwa indem Investoren Euch zu mehr Wachstum drängen oder Ihr Kunden annehmen müsst, die den eigenen Zielen zuwiderlaufen?

Bei uns ist das nicht so. Alle, die ihre CO2-Emissionen messen wollen, tun ja etwas fürs Klima und damit für unseren Purpose. Das ist das Prinzip von „For Purpose – for Profit“. Wenn zum Beispiel Solarhersteller oder Unternehmen wie Climeworks mit ihren CO2-Filtern, die Kohlendioxid aus der Luft saugen, mehr Geschäft machen, ist das gut für die Umwelt. Anders sieht es mit Unternehmen aus, die Dinge produzieren, von denen wir nicht ständig noch mehr brauchen.

Inzwischen haben sich zum Beispiel viele Unternehmen aus der Automobilindustrie Klimaziele verordnet. Inwiefern müssen sie dafür dann ihre Geschäftsmodelle verändern?

Der Druck, klimafreundliche Innovationen, Produkte und Services auf den Markt zu bringen, wird sicher auch für die traditionellen Branchen steigen. Klimaneutrale Unternehmen werden zur Norm werden. Microsoft zum Beispiel hat kürzlich verkündet, dass sie nur noch mit klimaneutralen Geschäftspartnern zusammenarbeiten wollen.

Microsoft bietet selbst Software an, die bei der Berechnung von Emissionen helfen kann. Auch SAP entwickelt dazu eine Lösung. Und zuletzt ist Salesforce in das Geschäft eingestiegen, indem es Kunden mit einem hohen ökologischen Fußabdruck höhere Gebühren berechnen möchte. Wie bewertest Du die Initiativen?

Natürlich wittere ich da ein bisschen Konkurrenz, aber gleichzeitig sehe ich diese Unternehmen als „Partner in Crime“. Bei Plantely setzen wir auf Kooperation statt Ellenbogen und das sehe ich auch insgesamt in dem ganzen Climate-Tech-Bereich. Die Menschheit hat nur noch so wenig Zeit, das Klima zu retten. Da brauchen wir die Anstrengung ganz vieler Akteure und Unternehmen.