Innovation

Chancen für beide Seiten: Corporate-Start-up Partnerships

Wissenschaftler der HTW Berlin haben analysiert, wie etablierte Unternehmen mit Start-ups zusammenarbeiten und wie beide Seiten davon profitieren. Die Synergien entstehen dadurch, dass Innovation und Ressourcen aufeinandertreffen. Eine Win-win-Situation.

Etablierte Unternehmen und Start-ups können voneinander profitieren
Etablierte Unternehmen und Start-ups können voneinander profitieren

Um neue Geschäftsmodelle und Innovationen zu finden sowie neue Arten von Organisation, Unternehmenskultur und Prozessen kennenzulernen, kooperieren immer mehr etablierte Unternehmen mit jungen Start-ups („Corporate-Start-up Partnerships“) in sogenannten Inkubatoren- und Accelerator-Programmen oder anderen Formen der Zusammenarbeit.

Wir haben im Rahmen einer Studie erstmals untersucht, welche Unternehmen hier besonders aktiv sind und in welchen konkreten Ausgestaltungsformen eine Zusammenarbeit organisiert wird. Darüber hinaus haben wir Chancen und Herausforderungen für beide Seiten anhand von explorativen Interviews identifiziert und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Die Idee hinter Corporate-Start-up Partnerships

Eine Corporate-Start-up Partnership verknüpft die unternehmerische Dynamik von Start-ups mit den Ressourcen von etablierten Unternehmen. Viele junge Unternehmer, die ein Start-up gründen möchten, haben eine innovative Idee, doch den meisten von ihnen fehlt es an Kapital, Infrastruktur oder dem dazugehörigen rechtlichen und wirtschaftlichen Know-how. Genau diesen Bedarf wollen etablierte Unternehmen (Corporates) decken und gleichzeitig selbst von Ideen und Gründergeist der Start-ups profitieren. Um die Gründung oder Skalierung eines Start-ups zu erleichtern, haben große Konzerne und ambitionierte Mittelständler seit einiger Zeit hierfür sogenannte Inkubatoren („Brutkästen“) und Acceleratoren („Beschleuniger“) kreiert.

Eine Corporate-Start-up Partnership verknüpft die unternehmerische Dynamik von Start-ups mit den Ressourcen von etablierten Unternehmen.

Status quo von Corporate-Start-up Partnerships in Deutschland

Insgesamt haben sich im deutschen Markt bereits über 25 Unternehmen mit Inkubatoren oder Acceleratoren positioniert. 2015 sind allein fünf neue Inkubatoren und Acceleratoren neu gestartet worden. Ein Drittel der Dax-Unternehmen betreibt bereits solche Programme. Daneben sind weitere zehn deutsche Unternehmen in Corporate-Start-up-Partnerships aktiv sowie einige internationale Player mit Corporate-Start-up-Partnerships auf dem deutschen Markt.

Beispiele für erfolgreiche Corporate-Start-up Partnerships

Ein Beispiel für einen erfolgreichen Inkubator ist der „Hub-Raum“ der Telekom. „Hub-Raum“ wurde im Jahr 2012 gegründet. Die Initiative richtet sich an externe Gründer, die ihre Start-up-Idee verwirklichen wollen. Die Gründer stellen in der Ideen- oder Prototypenphase ihre Geschäfts- und Produktmodelle vor; bewertet die Telekom diese als erfolgversprechend und für das eigene Geschäftsmodell relevant, unterstützt sie die Gründer beim Markteintritt und danach.

Hub-Raum
Telekom Hub-Raum

Über das Startkapital hinaus, das ihnen die Telekom zur Verfügung stellt, können die Gründer auf das Know-how des Hub-Raum-Teams und weiterer Mentoren und Experten zurückgreifen. Sie erhalten einen Arbeitsplatz mit passender Ausstattung auf einem der beiden Hub-Raum-Campus in Berlin oder Krakau. Derzeit arbeiten laut Auskunft der Telekom zwölf Start-ups in Berlin, sieben in Krakau und eines in Tel Aviv. Zwei Start-ups haben bislang nach der Förderung eine externe Anschlussfinanzierung erhalten.

Chancen für Corporates

An diesem Beispiel wird bereits deutlich: Ein wesentlicher Vorteil von Corporate-Start-up-Partnerships besteht in der Verknüpfung der unternehmerischen Dynamik von Start-ups mit den Ressourcen von Corporates. Corporates profitieren von einer solchen Partnerschaft, indem sie die Ideen und Herangehensweisen der Start-ups aufgreifen, so ihre eigenen Innovationsprozesse schneller und zielgerichteter machen und agiler auf Wettbewerbsdruck und Marktveränderungen reagieren können.

BMW Startup Garage
BMW Start-up Garage

In vielen Fällen können die neuen Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsfelder, die im Start-up entwickelt werden, eine Markt- oder Unternehmenslücke der Corporates schließen. Konkret lässt sich durch die Innovationskraft der Start-ups zum Beispiel die Kompetenz der Corporate eigenen F&E-Abteilung ergänzen, die so früh auf innovative Technologien zugreifen und Zukunftsmärkte erschließen kann. BMW fährt mit seiner „Start-up Garage“ beispielsweise genau diesen Ansatz bei technischen Innovationen: Entwicklungsingenieure von BMW werden mit Start-ups zusammengebracht, um gemeinsam konkrete Prototypen (zum Beispiel einer neuen Motorentechnologie) zu entwickeln.

Weitere Felder, in denen Corporates von Start-ups lernen und von einer Partnerschaft profitieren können, sind die konsequente Kundenorientierung, kombiniert mit scharfem USP (Unique Selling Point), Kreativität und neue Technologien im (Online- und Mobile-)Marketing sowie das konsequente Denken in wirklichen Problemlösungen. Nicht zuletzt kann ein Inkubator oder Accelerator neben den businessbezogenen Vorteilen auch noch positive Imageeffekte für das Corporate generieren. Sowohl für die Außendarstellung als innovatives Unternehmen gegenüber der Öffentlichkeit, als auch und insbesondere für die HR- und Recruiting-Perspektive lassen sich entsprechende Fortschrittssignale ausstrahlen.

Chancen für Start-ups

Start-ups profitieren von der Partnerschaft mit Corporates, indem Risiken bei einer Unternehmensgründung stark reduziert werden. Mit der Unterstützung der Corporates ist es Start-ups möglich, knappe oder fehlende Ressourcen auszugleichen und sich auf ihr vorhandenes Potenzial und innovative Ideen zu konzentrieren. Inkubatoren und Acceleratoren bieten die notwendigen Rahmenbedingungen, um sich ganz auf den Geschäftsauf- und -ausbau zu fokussieren. Ein frühzeitiges Scheitern ist damit weniger wahrscheinlich.

Start-ups profitieren von der Partnerschaft mit Corporates, indem Risiken bei einer Unternehmensgründung stark reduziert werden.

Vor allem in den ersten Phasen eines Start-ups bieten Corporate-Start-up Partnerships viele Vorteile, so bekommen Start-ups in den Inkubator- und Accelerator-Programmen häufig auch Coachings in nicht kerngeschäftsrelevanten Bereichen, zum Beispiel über rechtliche und steuerliche Themen. Die Möglichkeit, Kunden, das Netzwerk sowie die Geschäftskontakte der Corporates kennenzulernen, ist eine weitere Chance für die Start-ups, ihre Marktreichweite zu vergrößern und zusätzliche Ressourcen abzugreifen. Ein Corporate Inkubator oder Accelerator kann für das Start-up also ein echter „Door Opener“ sein.

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DAX 30-Unternehmen, die Inkubatoren- und Accelerator-Programme anbieten

Viele Inkubatoren und Acceleratoren bieten auch finanzielle Unterstützung an. Start-ups können damit ihre Aufmerksamkeit der Idee beziehungsweise dem Produkt widmen und müssen sich nicht zusätzlich mit der permanenten Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten beschäftigen. Das sogenannte „Fundraising“ kann bei Start-ups, die nicht durch ein entsprechendes Programm unterstützt werden, manchmal sogar über 60 Prozent der Arbeitszeit der Gründer absorbieren. Einige Programme helfen auch bei der Erstellung von Businessplänen, so hat das Start-up bessere Chancen, eine Finanzierung von Investoren zu erhalten, und bekommt zudem einen besseren Überblick über das eigene Geschäftsmodell.

Herausforderungen für Corporates

Die Konzeption eines Corporate-Start-up-Programms in Form eines Inkubators oder Accelerators, welches zur eigenen Strategie passt und erfolgreich am immer kompetitiver werdenden Markt agieren kann, ist wohl die zentrale Herausforderung für Corporates. Im schlimmsten Fall könnte es zum finanziellen Verlust und Abschreibung der Investments kommen, wenn diese in falsche oder nicht profitable Start-ups über einen längeren Zeitraum investiert werden. In der Konsequenz droht dann gar die Beendigung des Programms.

Darüber hinaus können die oben erwähnten Chancen unter bestimmten Umständen auch zu Problemen führen. Aufgrund der Agilität der Start-ups kann es beispielsweise zu Schwierigkeiten in der operativen Ausgestaltung der Kooperation kommen, da die jeweiligen Arbeitsweisen von Corporates und Start-ups nicht auf alle Organisationseinheiten und -kulturen appliziert werden können. Die optimale Herangehensweise in der Zusammenarbeit zwischen Corporate und Start-up zu finden, kann eine große Herausforderung sein, deren sich beide Partner bewusst sein sollten.

Herausforderungen für Start-ups

Ebenso wie Corporates stehen Start-ups vor der Herausforderung, das passende Programm zu identifizieren. Im Internet und auf den Webseiten der jeweiligen Programme sind nicht immer alle entscheidungsrelevanten Informationen zu den einzelnen Inkubatoren und Acceleratoren vorhanden. Ein Vergleich fällt somit häufig schwer. Aufgrund der engen Zusammenarbeit im Inkubator/Accelerator und auch der potenziellen finanziellen Beteiligung des Corporates am Start-up, können die eigenen Interessen der Corporates und die der Start-ups voneinander abweichen. Ein Vorstands- oder Geschäftsführerwechsel beim Corporate kann zum Beispiel dazu führen, dass bestimmte Start-ups im Programmportfolio keine Priorität oder (im schlimmsten Fall) keine Bedeutung mehr haben und infolgedessen nicht mehr die nötige Unterstützung erhalten. Ebenfalls kann es passieren, dass das Corporate starken Einfluss auf die Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung des Start-ups nimmt. Im Extremfall kann das Start-up seine Innovation nicht für weitere Kunden zugänglich machen, wenn zum Beispiel das Corporate Exklusivität bei bestimmten Vertriebskanälen fordert.

Empfehlungen für Corporates

Auf Basis der aufgezeigten Chancen und Herausforderungen für beide Seiten sollen im Folgenden konkrete Empfehlungen für Corporates und Start-ups in Bezug auf entsprechende Partnerschaften aufgezeigt werden. Corporates sollten sich auf ein klares Ziel fokussieren und ihr Angebot entsprechend so ausgestalten, dass die passenden Start-ups gefunden werden. Damit dies gelingt, sollten die Corporates mehr Informationen zu ihrem Programm, zum genauen Angebot sowie zur Gegenleistung zur Verfügung stellen – beispielsweise auf die Möglichkeit des Zugangs zu Corporate-Kunden verweisen und dies auch mit glaubhaften Beispielen belegen.

Die Analyse der jeweiligen Webseiten im Rahmen unserer Studie hat aufgezeigt, dass hier durchaus noch „Luft nach oben“ vorhanden ist. Im Vergleich zu den HR- und Recruitingseiten der Unternehmen sind die Darstellungen und Beschreibungen der Inkubatoren- und Accelerator-Programme sowohl in Bezug auf inhaltliche Schärfe, als auch im Hinblick auf die Darstellung der USPs bzw. des Nutzenangebots noch stark ausbaufähig. Eine Verbesserung in diesem Bereich ist aus finanzieller Sicht für beide Seiten gut. So können Mitarbeiterressourcen im Bewerbungsprozess beim Corporate eingespart werden, da sich weniger nichtpassende Start-ups bewerben. Auf Start-up-Seite lassen sich ebenfalls (Mitarbeiter-)Ressourcen reduzieren, da das Start-up im Vorfeld feststellen kann, ob das Angebot adäquat ist, und gegebenenfalls von einer Bewerbung absehen kann. Corporates sollten darauf achten, dass der Internetauftritt ihres Inkubators oder Accelerators auf Deutsch und auf Englisch zur Verfügung steht, um die Programme einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Im Ausland gibt es ebenfalls viele innovative Start-ups, für die Deutschland ein attraktiver Standort in Europa ist.

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Deutsche Unternehmen, die Inkubatoren- und Accelerator-Programme anbieten

Aktuell sind die meisten Inkubatoren beziehungsweise Acceleratoren in Berlin zu finden. 13 der identifizierten Programme sind in der Hauptstadt beheimatet, gefolgt von München, wo sich fünf Programme angesiedelt haben. Berlin ist auf dem Weg, die führende Start-up-Metropole Europas zu werden, wie eine Studie von McKinsey zeigt. Aufgrund der Masse (und damit des Wettbewerbs) an Start-up-Programmen in Berlin kann es jedoch für das Corporate eventuell von Vorteil sein, den eigenen Inkubator/Accelerator gerade nicht in Berlin zu eröffnen. Sollte die Anzahl der Start-up-Programme in Berlin weiterhin steigen, besteht die Gefahr, dass das Programm des einzelnen Corporates untergeht und nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Empfehlungen für Start-ups

Bevor sich das Start-up für die Teilnahme an einem Inkubator- oder Accelerator-Programm entschließt, sollte es sich umfassend über alle Details informieren und analysieren, ob solch ein Format zur momentanen Situation des Start-ups überhaupt passt. Zu diesen Details gehören das ausführliche Wissen über die Schwerpunktsetzung, das Angebot, die Gegenleistung und das Ziel des Inkubators/Accelerators. Wesentliches Augenmerk sollte das Start-up hierbei insbesondere auf die Qualität der vorhandenen Mentoren legen, die dem Start-up während des Programms zur Seite stehen. Diese sollten bereits fundierte Erfahrung in der Gründung und Führung von Start-ups vorweisen können und bestenfalls aus derselben Branche kommen. Nicht nur das Angebot des Corporates sollte überzeugen, sondern auch das Corporate an und für sich. Das Start-up sollte sich mit der Strategie, der Struktur und dem Image des Corporates identifizieren, um vorzeitig mögliche Differenzen zu vermeiden.

 

Autoren

Prof. Dr. Julian Kawohl lehrt Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin.

Olesja Rack analysierte im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der HTW Berlin Corporate-Start-up Partnerships in Deutschland.

Lukas Strniste ist Mitinitiator des Corporate Start-up Summits und Gründer von Start-up-Zoom, einem Dienstleister, der Start-up-Analysen für Corporates durchführt.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Zeitschrift Personalmagazin 4/2016.

KEY FACTS

Start-ups benötigen Ressourcen, um ihr Geschäft zu entwickeln und aufzubauen. Und etablierte Unternehmen (Corporates) möchten am Gründungsgeist der Start-up-Kultur teilhaben. Corporate-Start-up-Partnerships bieten sich als Lösung an.

Wachsende Anzahl von Corporate-Start-up Partnerships – mit Beteiligung von DAX-Unternehmen oder anderen deutschen oder internationalen Firmen

Ziel: Inkubatoren oder Acceleratoren für neue Ideen zu generieren

Empfehlung: jeweilige Interessenslage genau klären

 

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