Organisationsentwicklung Agilität

Beidhändig führen geht nicht ohne Purpose

Grundlage für gelingende Ambidextrie ist ein gemeinsamer Purpose der Menschen in der Organisation. Diesen Sinn der Arbeit kann Führung nicht oktroyieren. Doch Führung muss den Raum öffnen, damit die Menschen ihn selber finden können.

Organisationen brauchen ein gemeinsames Ziel.
Organisationen brauchen ein gemeinsames Ziel.

Zwei getrennte Welten

Beidhändig führen. Das ist sicher eines der am meisten diskutierten Themen im Moment. Doch was heißt es wirklich? Die Idee dahinter leuchtet sofort ein: Bestandsgeschäft braucht eine andere Art von Management und Führung als das disruptive Innovationsgeschäft.

Räume eröffnen, damit die Menschen am gemeinsamen Sinn arbeiten können. Das ist ein Element von Führung.
Räume eröffnen, damit die Menschen am gemeinsamen Sinn arbeiten können. Das ist ein Element von Führung.

Auf der einen Seite stehen klare Umsatz- und Ergebnisziele, klare Verantwortlichkeiten, feste Teams, in denen die Aufgaben des laufenden Geschäfts verortet sind. Auf der anderen Seite steht am Anfang eine Idee, die geprüft wird, verworfen und neu gefasst. Dann die ersten Arbeiten an Prototypen und sogenannten MVPs (Minimum Viable Products). Die Teams haben sich zusammengefunden auf Basis der Anforderungen an Skills und Fähigkeiten, die man braucht, um neue Services, Software oder Produkte zu entwickeln. Entwickler, UX Designer, Design Thinking-Experten, … arbeiten gemeinsam. Oft sind externe Experten dabei, manchmal sind die Teams verteilt über mehrere Standorte. Vor allem aber: Disruptive Innovation heißt Versuch und Irrtum, Experimentieren, eine Reise in kleinen Schritten in weitgehend unbekanntes Land. Dafür braucht es eine andere Haltung, als wenn man so effizient wie möglich den Marktanteil bestehender Angebote erhöht, Umsatz und Ertrag steigert.

Disruptive Innovation heißt Versuch und Irrtum, Experimentieren, eine Reise in kleinen Schritten in weitgehend unbekanntes Land.

Beide Sphären sind wichtig

Zwei getrennte Welten also. Wie führt man beide Welten so, dass sie erfolgreich sind? Mir persönlich ist es dabei vor allem wichtig, dass ich immer wieder deutlich mache: Beide Seiten sind wichtig! Ich nehme beide Welten ernst! Für mich gibt es kein „besser“ oder „schlechter“, kein „cool“ oder „uncool“! Wir Führungskräfte haben die Verantwortung, sowohl dem Bestandsgeschäft als auch dem Zukunftsgeschäft unsere volle Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei hat das Bestandsgeschäft klar definierte Prozesse, Routinen im positiven Sinne. Wenn es rollt, rollt es. Trotzdem dürfen wir es nicht vernachlässigen. Und wir dürfen den Menschen, die das Standardgeschäft erfolgreich machen, nicht den Eindruck vermitteln, wir würden uns nicht um sie kümmern, weil das Andere wichtiger oder spannender sei.

Es ist der gemeinsame Purpose, der uns vereint. Aber diesen Purpose kann nicht ich oktroyieren, er muss von innen wachsen.
Joachim Rotzinger, Managing Director, Haufe

Identität ist der Schlüssel

Vor allem aber ist mir wichtig: Ich bin für alle Menschen im Bereich verantwortlich, den ich leite. Und eine der wichtigsten Aufgaben für mich ist es zu zeigen, dass wir alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Es ist der gemeinsame Purpose, der uns vereint. Aber diesen Purpose kann nicht ich oktroyieren, er muss von innen wachsen. Das ist eine enorme kulturelle Leistung aller Kolleginnen und Kollegen.

Der Purpose, der die menschen leitet, muss von innen wachsen: Eine enorme kulturelle Leistung aller.
Der Purpose, der die Menschen leitet, muss von innen wachsen: Eine enorme kulturelle Leistung aller.

Der Leadership-Experte Franz Kühmayer hat es so formuliert: „Wieso wird die Welt ein Stück besser, weil es uns gibt? Das ist ein Sinn, der über den reinen betriebswirtschaftlichen Aspekt hinaus geht. Wenn diese Frage ernsthaft beantwortet wird, dann ist das für die Mitarbeiter eine Motivation, für dieses Unternehmen zu arbeiten.“ Alexander Osterwalder hat auf dem Global Peter Drucker Forum 2018 in Wien betont, wie wichtig das gemeinsame Verständnis der Menschen in einer Organisation ist. „Identity is key to define the playground. It is crucial for making decisions.“ Den Raum zu schaffen, damit die Menschen ihren gemeinsamen Purpose, die Identität des Unternehmens finden, ist eine der Grundlagen für funktionierende beidhändige Führung.

Mein Ziel als Führungskraft ist es, Passion UND Purpose zusammenzubringen.

Purpose und Passion lassen Leistung explodieren

Purpose ist kein Nice to have. Die Arbeit am Purpose lohnt sich auch betriebswirtschaftlich, wie Franziska Fink und Michael Moeller in ihrem Buch „Purpose Driven Organizations“ zeigen. Menschen, die einen Sinn in ihrer Arbeit sehen, der über das Geldverdienen hinausreicht, sind leistungsfähiger und leistungswilliger als diejenigen, die diesen Sinn nicht sehen. Und wer für seine Arbeit brennt (Passion) und darin einen höheren Sinn sieht (Purpose), arbeitet noch wesentlich leistungswilliger und effektiver. Mein Ziel als Führungskraft ist es, Passion UND Purpose zusammenzubringen. Den Raum zu schaffen, damit die Menschen ihren gemeinsamen Purpose finden und mit Leidenschaft arbeiten. Das ist für mich die Grundlage für funktionierende beidhändige Führung und damit für nachhaltigen Erfolg.